Doppelt so hohe Mortalität: Nachtoperationen sind gefährlicher

Auch Eingriffe in den Abendstunden könnten eher einen Todesfall nach sich ziehen.

, 2. September 2016, 07:14
image
  • spital
  • patientensicherheit
Wer am Abend und insbesondere in der Nacht operiert wird, geht ein höheres Risiko ein: Dies die Kernaussage einer Datenerhebung, welche Mediziner der McGill University in Montreal durchgeführt haben. Das Team unter dem Anästhesisten Michael Tessler nahm die Ergebnisse von insgesamt 41'700 Eingriffen, welche über einen Zeitraum von fünf Jahren am Jewish General Hospital der kanadischen Metropole vorgenommen worden waren. Erfasst wurden geplante Operationen wie auch Notfalleingriffe.
Wieviele Patienten starben in den ersten 30 Tagen nach dem Eingriff? Dies die Testfrage, wobei die Operationen zeitlich unterteilt wurden: am Tag, abends, in der Nacht – gemessen jeweils an der Einleitung der Narkose.
Insgesamt 352 Todesfälle waren im Gefolge dieser Eingriffe zu beklagen, davon 226 nach den Operationen am Tag und 97 am Abend – sowie 29 in der Nachtschicht. 

Risikofaktoren einberechnet

Dies entsprach in etwa der Häufigkeitsverteilung der Operationen selber. Nun berücksichtigten die Forscher aber weitere Faktoren, welche für das Risiko einer Operation respektive deren Mortalitätsrate ausschlaggebend sind. Denn klar ist beispielsweise, dass eine relative Häufung an unausweichlichen Notfall-Eingriffen (wie üblicherweise in der Nacht) sich hier auswirkt. Einberechnet respektive neutralisiert wurde also zum Beispiel das Alter der Patienten sowie die Risiko-Werte aller erfassten Eingriffe (gemäss den Kategorien der US-Anästhesisten-Gesellschaft).
Am Ende kam heraus, dass die Patienten – statistisch – mit 2,17 mal grösserer Wahrscheinlichkeit im Gefolge eines nächtlichen Eingriffs starben als nach einer Operation bei Tag. Bei den Abend-Operationen war das Risiko um das 1,43fache erhöht.
Die Daten wurden nun im Rahmen des Weltkongresses der Anästhesisten veröffentlicht.

Was sind die Gründe?

Die beteiligten Ärzte äussern diverse mögliche Erklärungen für ihre Zahlen: Beispielsweise die Müdigkeit der Beteiligten aus Anästhesie und Chirurgie. Oder andere Probleme in der Besetzung der Nachtschichten, ferner ablaufbedingte Verzögerungen beim Eingriff sowie auch die Möglichkeit, dass am Abend und in der Nacht eher Patienten operiert werden, die zwar kein eigentlicher Notfall sind, sich aber dennoch eher in einer kritischen Lage befinden: Sie sind bereits zu krank, um auf den Normalbetrieb des kommenden Tages verschoben zu werden.

Zur Mitteilung der World Federation of Societies of Anaesthesiologists: «Five-year study reveals patients operated on at night twice as likely to die as patients who have daytime operations», August 2016.

Hattip: «Fierce Healthcare»  |  Bild: Ivan Hernández @DrIvanHdez — Aus der Aktion «Yo también me dormí»
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Freiburger Spital muss Operationen verschieben

Das Freiburger Spital HFR sieht keine andere Lösung mehr: Weil alle Betten ausgelastet sind, verschiebt es nicht dringende Eingriffe.

image

Die Rega scheitert im Wallis an Air Zermatt und Air Glacier

Der Kampf der Rettungs-Unternehmen um den Walliser Luftraum ist entschieden: Die Rega erhält keinen Auftrag.

image

Nun macht auch Team der Uroclinic in Wetzikon mit

Die Urologieabteilungen des Zürcher Unispitals und des GZO Spitals Wetzikon nehmen einen dritten Partner auf: Die Uroclinic Wetzikon.

image

Dieses Foto aus dem Zürcher Kinderspital holt einen Preis

Ein Bild der Fotografin Barbora Prekopová vom Kinderspital Zürich erhält die Auszeichnung als «bestes PR-Foto des Jahres 2022».

image

José Oberholzer auf dem Sprung in die Schweiz?

Der Chirurg José Oberholzer soll angeblich die Funktion als neuer Klinikdirektor der prestigeträchtigen Transplantations-Chirurgie am Zürcher Unispital übernehmen.

image

Nationalfonds unterstützt St.Galler Forschung zu «Long Covid»

Natalia Pikor vom Kantonspital St.Gallen erhält vom Nationalfonds Fördergelder in Millionenhöhe. Es ist nicht das einzige geförderte Forschungsprojekt.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.