«Chefarzt onanierte vor mir und drückte mich an sich»

Eine Umfrage zum Thema sexuelle Belästigung zeigt ein erschreckendes Bild. Der SBK und der VSAO äussern sich zu den Ergebnissen und erklären, wie sie die Kultur des Schweigens auf sämtlichen Hierarchieebenen durchbrechen wollen.

, 10. März 2022, 06:38
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Während das Thema in der Pflege laut SBK-Chefin Yvonne Ribi ein «Dauerbrenner» ist, werden je länger je mehr auch Stimmen unter Ärztinnen laut. Das zeigte neulich eine Tamedia-Umfrage, an welcher über 250 Ärztinnen teilnahmen. Um sich ein eigenes Bild von der Situation in Spitälern aber auch in Pflegeinstitutionen zu verschaffen, lancierte die Redaktion eine siebentägige Online-Umfrage und konfrontierte den SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK - ASI) und den VSAO (Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte) mit den Ergebnissen:
87 Personen nahmen an der Umfrage teil, darunter 86 Frauen und ein Mann. 

 

  • 48 Personen (55%) arbeiten in der in der Pflege, 11 davon in einer leitenden Funktion,
  • 32 Personen sind Ärztinnen (37%), darunter 12 in einer leitenden Funktion,
  • 7 Personen (8%) haben andere Funktionen, darunter eine Unterassistenzärztin und ein Arzt
83 Personen (95,4%) gaben an, während ihrer Karriere im Gesundheitswesen schon einmal sexuell belästigt worden zu sein; ein Grossteil davon ausgehend von Patienten (49%), Vorgesetzen (28%) oder Arbeitskollegen (23%). 
61 Personen schildern ihre Erlebnisse. Zusammengefasst handelt es sich um anzügliche Bemerkungen, sexistische Sprüche, ungewolltes Küssen, ungewollte Annäherungen und Berührungen am Po, an den Brüsten und zwischen den Beinen sowie um körperliche Gewalt.

Kein Halt vor Schwangeren

An den geschilderten Übergriffen beteiligt sind teilweise auch Angehörige: Eine Betroffene schreibt, dass der Vater eines Patienten in einem Kinderspital ihr zwischen die Beine gefasst habe. Weiteren Berichten zufolge machen die Täter weder Halt vor schwangeren Angestellten noch vor Frauen, die sich einem Karriere- oder Bewerbungsgespräch stellen müssen: «Mein Chef meinte, ich soll einfach einen Minirock tragen und die Beine spreizen, sowie in Basic Instinct», gibt eine Frau preis.
Als wäre das alles nicht längst genug: Häufig masturbieren Patienten bewusst oder unbewusst vor Pflegenden und Ärztinnen. Doch auch Ärzte in Chefpositionen scheinen keine Grenzen zu kennen wie dieses Beispiel zeigt:
«Der Chefarzt entblösste sich vor mir, onanierte und drückte mich an sich.»
Zitat aus der Umfrage
«Das ist ein absolut inakzeptabler Vorgang, zumal der sexuelle Übergriff offenbar zusätzlich mit körperlicher Gewalt verbunden ist. Aus unserer Sicht muss ein solch extremes Verhalten sowohl vom Arbeitgeber – mit den maximal möglichen Konsequenzen, das heisst fristlose Entlassung –, als auch strafrechtlich geahndet werden. Das bedingt allerdings eine Meldung beziehungsweise Anzeige der betroffenen Mitarbeiterin», gibt Marcel Marti, Leiter Politik und Kommunikation sowie stellvertretender Geschäftsführer VSAO, zu bedenken. 

Schamgefühle und Angst

Und genau dort liegt das Problem: Die meisten Betroffenen trauen sich nicht, «darüber» zu sprechen. So gaben über 60 Prozent der Teilnehmenden an, die Vorfälle nicht der Geschäftsleitung gemeldet zu haben – dies überwiegend wegen Schamgefühlen, mangels Beweisen, aus Angst nicht ernst genommen zu werden, oder aus Angst den Job zu verlieren und sich die Karriere zu vermasseln: 
«Damals, vor mehr als 15 Jahren, hätte es keinen Sinn gemacht. Der Sexismus war überall präsent und quasi akzeptiert. Man wäre ausgelacht, aber ganz sicher nicht unterstützt worden. Von Ärztinnen, die in einem chirurgischen Fach ausgebildet werden wollten, wurde Stillschweigen als Gegenleistung quasi erwartet. Wer das nicht aushielt musste gehen, beziehungsweise das Fach wechseln. Aber es ist nicht so, dass all diese Herren, die das praktiziert und ausgenützt haben, heute hochbetagt im Altersheim sitzen. Meine ehemaligen männlichen Kollegen von damals sind nun auf den Karrieregipfeln angekommen und verkaufen sich heute als die grossen Frauenversteher.» 
Zitat aus der Umfrage
Auffallend ist, dass die Mehrheit der auf Medinside geschilderten Vorfälle in der Vergangenheit liegt. Lediglich 12 Personen (14%) geben an, derzeit unter sexuellen Belästigungen zu leiden. Diese Zahl entspricht der Realität keineswegs: So gehen beide Verbände von einer hohen Dunkelziffer aus, obschon die Toleranz gegenüber solchen Übergriffen seit den 90er-Jahren gesunken und die Bereitschaft der Opfer, den Täter zu melden, gestiegen sei. 

Kultur des Wegschauens

Helfen, die Täter zu überführen, könnten auch diejenigen, die solche Vorfälle mitbekommen. Wie ehemalige Assistenzärtzinnen in der Umfrage berichten, waren ihre männlichen Kollegen teils Zeugen dieser Vorfälle, taten oder sagten aber nichts. 
Die Krux: Aus Sicht des VSAO herrscht noch zu oft die Kultur des Wegschauens und Stillschweigens. «Beides trägt dazu bei, dass die Übergriffe weitergehen. Die Täter wiegen sich in Sicherheit, während sich die Gefühle von Ohnmacht bei ˂potenziellen˃ Opfern verstärken.»
Diese Kultur lasse sich ändern. «Deshalb ist es wichtig, die Täter mit ihrem Verhalten zu konfrontieren, dieses anzuprangern und zu ahnden. Solche Übergriffe dürfen nicht länger zur Normalität im beruflichen Alltag werden», so Marti.
«Deshalb ist es wichtig, die Täter mit ihrem Verhalten zu konfrontieren, dieses anzuprangern und zu ahnden. Solche Übergriffe dürfen nicht länger zur Normalität im beruflichen Alltag werden.»
Marcel Marti, VSAO
Weshalb Sexismus und sexuelle Belästigungen trotz Feminismus und #MeToo-Bewegung heutzutage überhaupt noch möglich sind, erklärt sich Marti wie folgt: «Dahinter stehen nebst charakterlichen Defiziten tradierte Rollenbilder und Überlegenheitsgefühle, die sich leider nicht einfach von einem Tag auf den anderen ändern lassen. Dass Vorgesetzte die Täter sind, gehört dabei zu den Charakteristika: Machtpositionen schaffen ein Gefühl von Überlegenheit und Unantastbarkeit und sorgen bei den Opfern für zusätzliche Ängste.»

Auch Männer sind Opfer

Von sexuellen Übergriffen im Gesundheitswesen betroffen sind auch Männer.  «Unseres Wissens nicht gerade häufig, aber immer wieder», sind sich Wagner und Marti einig. Mit einem grossen Unterschied: Wagner geht davon aus, dass sich Männer nie in der gleichen Art und im gleichen Ausmass wie Frauen bedroht fühlen. 
Geschwiegen wird aber auch unter Männern: «Ich meldete den Vorfall nicht. Der Grund: Es war meine ersten Stelle als Assistenzarzt nach 50 Bewerbungen vor 25 Jahren», schreibt der Arzt in der Medinside-Umfrage. 

VSAO stellt neue Meldestelle zur Verfügung

Um in aller Breite für das Thema zu sensibilisieren und die Kultur des Schweigens auf sämtlichen Hierarchieebenen zu durchbrechen, unternehmen beide Berufsverbände alles mögliche: 
Der VSAO will das Thema sexuelle Belästigung voraussichtlich diesen Frühling in einer neuen Broschüre zum Gesamtthema Diskriminierung aufgreifen. Neben der Sektion Bern habe sich auch die Waadt mit dem Thema befasst. «Eine Umfrage im Kanton Waadt hat ebenfalls erschreckende Ergebnisse ans Licht gebracht», sagt Marti.
«Eine Umfrage im Kanton Waadt hat ebenfalls erschreckende Ergebnisse ans Licht gebracht.»
Marcel Marti, VSAO
Damit der Verband handeln kann, stellt der VSAO seinen Mitgliedern ab zirka Mitte März eine neue Online-Meldestelle zur Verfügung. Dort können alle möglichen Missstände und Probleme unterschiedlichster Art gemeldet werden. Zudem will der Verband aufgrund der jüngsten Umfragen zum Thema sexuelle Gewalt in seinen Gremien diskutieren, was zusätzlich gemacht werden kann. «Wir werden dazu auch das Gespräch mit dem Spitalverband H+ suchen», sagt Marti zum Schluss.

«Verstehen Sie keinen Spass, Schwester?»

Auch der SBK ist sehr aktiv: Einerseits unterstützt der SBK betroffene Pflegefachpersonen bei rechtlichen Schritten gegen die Urheber von Gewalt und sexueller Belästigung und gegen Arbeitgeber, die ihre Fürsorgepflicht verletzt haben. Andererseits leistet der Berufsverband Hilfestellung mit seiner Broschüre «Verstehen Sie keinen Spass, Schwester?»
«Seither wissen wir mit Sicherheit, dass es sich bei den bei uns gemeldeten Fällen nicht um anekdotische Einzelfälle handelt, sondern um die Spitze des Eisbergs.»
Pierre André Wagner, SBK
Auslöser für die Broschüre war die Studie vom «EBG» und vom «SECO» aus dem Jahr 2008. «Seither wissen wir mit Sicherheit, dass es sich bei den bei uns gemeldeten Fällen nicht um anekdotische Einzelfälle handelt, sondern um die Spitze des Eisbergs», doppelt Pierre André Wagner, Leiter Rechtsdienst beim SBK, nach.
Der Titel der Broschüre ist nicht willkürlich gewählt. Wie auch der Medinside-Umfrage zu entnehmen ist, müssen sich die meisten Pflegefachfrauen irgend einmal in ihrer Karriere derbe Sprüche wie etwa
  • «Leg dich zu mir, ich ficke dich.»
  • «Sie scheinen versiert im Umgang mit Penissen zu sein.»
  • «Wasche mich harter, meine Frau tut das schon lange nicht mehr.» 
  • «Da kniet sich endlich mal wieder eine Frau vor mich und sie bläst mir keinen.»
anhören. 

Sind demente Patienten strafbar?

Schwierig wird es wohl, sobald die sexuellen Belästigungen von dementen, hirnverletzten, oder psychisch kranken Patienten, die (meist) nicht zurechnungsfähig sind, ausgehen. Auf die Frage, ob diesen Personen überhaupt ein unsittliches Verhalten angelastet werden könne, antwortet Wagner:
«Wer Patienten pflegt oder behandelt, arbeitet nicht in einem rechtsfreien Raum, sondern wird vom Strafrecht genauso geschützt, wie in jedem anderen Bereich der Gesellschaft. Es ist verheerend, wenn diesen Berufsleuten vermittelt wird, solche Übergriffe gehören irgendwie zum Job, sie sollen sich nicht so anstellen.»
Belästigung sei fürs erste jedes Verhalten, welches als belästigend empfunden wird. «Bei solchem Verhalten ist die erste Frage, ob es den Straftatbestand der sexuellen Belästigung erfüllt. Ist dies der Fall, stellt sich in einer zweiten Phase die Frage nach der Schuldfähigkeit des Täters. Es ist aber, nochmal, extrem wichtig, dass niemand damit leben muss, dass er einfach ohne Weiteres belästigt werden darf.»

Zum Begriff sexuelle Belästigung:

Unter den Begriff sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz fällt jedes Verhalten mit sexuellem Bezug oder auf Grund der Geschlechtszugehörigkeit, das von einer Seite unerwünscht ist und das eine Person in ihrer Würde verletzt. Dazu gehören auch anzügliche Bemerkungen und sexistische «Witze».
Weitere Infos gibt es hier

Berufsverbände geben Tipps

Die Empfehlungen des VSAO

Der VSAO empfiehlt betroffenen Personen, ihre eigenen Wahrnehmungen in einem ersten Schritt für sich schriftlich festzuhalten, so dass sie nachher nicht am Vorgefallenen zweifeln. Weiter wird empfohlen, sich vom Berufsverband oder der Gewerkschaft rechtlich beraten zu lassen, um die nächsten Schritte zu besprechen und die rechtlichen Handlungsmöglichkeiten auszuloten. Damit sexuelle Belästigungen ein Ende nehmen, sei es wichtig, dass man darüber spreche und Mitarbeitende dafür sensibilisiere. 

Fünf SBK-Tipps für Personen, die im Pflegebereich arbeiten und sexuell belästigt werden:

  1. Selbstbewusst und professionell auftreten, das wirkt prophylaktisch.
  2. Belästigung nicht hinnehmen, sondern (sofort) reagieren
  3. Belästiger zur Rede stellen/spiegeln: was denken sie sich dabei?
  4. Nie schweigen sondern reden und sich Unterstützung holen
  5. Egal was passiert, es ist nicht Deine Schuld! (Niemand hat das Recht, Dich so zu behandeln)
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