Ärzte fordern Aktionsplan gegen zu hohe Preise für Krebsmedikamente

So kann es nicht mehr weitergehen! Dies der Tenor eines Aufrufs, den 115 Mediziner in den «Mayo Clinic Proceedings» veröffentlicht haben. Sie schlagen 7 Massnahmen vor.

, 24. Juli 2015, 08:04
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Der Aufruf wurde gestern in den «Mayo Clinic Proceedings» veröffentlicht. Eingangs zitieren die 115 Unterzeichner eine Studie, wonach die Preise von Krebs-Medikamenten Jahr für Jahr um 8'500 Dollar gestiegen sind – und das seit 15 Jahren. 
Bei einem durchschnittlichen amerikanischen Krebs-Patienten belaufen sich die Arznei-Kosten für ein weiteres Lebensjahr heute auf 207'000 Dollar – im Jahr 1995 waren es noch 54'000 Dollar gewesen.
Die Preise für Onkologika hätten Höhen erreicht, die auch ihnen, den Ärzten, schwere Probleme verursachen, so die Darstellung. Beispielsweise würden etwa zehn bis zwanzig Prozent der Krebspatienten die verschriebene Therapie nicht anwenden oder durchziehen – aus Kostengründen.

Ayalew Tefferi, Hagop Kantarjian, S. Vincent Rajkumar et al., « In Support of a Patient-Driven Initiative and Petition to Lower the High Price of Cancer Drugs», in: «Mayo Clinic Proceedings», Juli 2015

«Diese Arzneimittelpreise sind völlig unhaltbar», sagte Ayalew Tefferi, ein Hämatologe der Mayo-Klinik in Rochester, gegenüber dem «National Public Radio». «Die Pharma-Unternehmen sind in einem Gier-Modus, und das ist traurig. So etwas ist völlig unreguliert.»
Die Mediziner und Professoren schlagen nun einen Sieben-Punkte-Plan vor, um den Trend zu brechen:
1. Es braucht eine Kontrollinstanz, der nach der Bewilligung durch die Aufsichtsbehörde FDA einen Bericht erarbeitet. Dort wird vorgeschlagen, was ein fairer Preis für ein neues Mittel ist – basierend auf dem Wert des Mittels für die Patienten und für das Gesundheitswesen.
2. Die öffentliche Krankenversicherung (Medicare) soll das Recht erhalten, über Arzneimittelpreise zu verhandeln.
3. Patientenorganisationen und ähnliche Verbände sollen den Nutzen neuer Mittel evaluieren und eine Bewertung abgeben, wie sich die Vorteile im Verhältnis zu den Preisen darstellen.
4. Krebsmedikamente sollen zum Eigengebrauch aus dem Ausland eingeführt werden können (was für die Schweiz wohl bedeuten würde: Die Krankenkassen bezahlen auch im Ausland erworbene Mittel).
5. Es braucht eine Gesetzgebung, um die Pharmafirmen davon abzuhalten, Generika zu verhindern beziehungsweise vom Markt zu «kaufen» (durch «Pay for delay»-Angebote).
6. Das Patentsystem soll das «Evergreening» unterbinden – also die Möglichkeiten, dass Patente durch eigentlich unnötige Detailveränderungen wieder frisch verlängert werden.
7. Organisationen von Onkologen und Patienten sollen den Mut aufbringen, Behandlungsrichtlinien zu erlassen, welche den allgemeinen Nutzen von Medikamenten und Therapiemethoden berücksichtigen.
Die Lage in den USA ist natürlich verschärft dadurch, dass ein viel grösserer Teil der Patienten die Medikamente aus eigener Tasche bezahlen muss (und dadurch, dass die Preise dort noch höher sind als in der Schweiz).
Entsprechend konnten die Initianten aus der Mayo-Klinik auch eine breite Palette von Unterstützern gewinnen – beispielsweise Spitzenvertreter von Standesorganisationen oder Mediziner, die ihre wichtigsten beruflichen Erfolge als Angestellte von Pharmafirmen feierten. 
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