Wenn die Spitex zum 24-Stunden-Betrieb wird

Schon einige öffentliche Spitex-Organisationen offerieren Leistungen in der Nacht. Bald lanciert auch der Kanton Obwalden so ein Angebot. Wohl einmalig ist das Angebot der öffentlichen Spitex Burgdorf: Sie betreut rund um die Uhr – und setzt auf Pflegeprofis aus der Slowakei.

, 19. Oktober 2017 um 08:10
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Im September wurde bekannt, dass die Spitex Obwalden kantonsweit ein 24-Stunden-Angebot lancieren wird. Alle Gemeinden im Kanton sprachen die Mittel, um ein dreijähriges Pilotprojekt zu lancieren. Start der neuen Dienstleistung ist frühestens Mitte 2018.
«Ohne ein 24-Stundenangebot sind nationale oder kantonale Strategien wie Palliative Care nicht möglich», sagt Irène Röttger, Geschäftsführerin der Spitex Obwalden; sie ist die verantwortliche Projektleiterin.
Beim Leistungsausbau geht die Spitex Obwalden schrittweise vor. 2010 wurde ein Abenddienst eingeführt, die Kunden werden bis 22.30 Uhr betreut. Der nächste Schritt erfolgte 2016 mit dem Aufbau eines Pikettdienstes: Seither ist die Hauptnummer auch nachts bedient. Eine diplomierte Pflegefachperson berät bei Bedarf am Telefon oder pflegt vor Ort. Das Angebot gilt für bestehende Kunden in Krisen.
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Dieser Beitrag erschien zuerst im Spitex-Report   

Der nächste Schritt folgt nun 2018 mit dem Nachtangebot. Es soll auch pflegende Angehörige entlasten und verhindern, dass Angehörige ausbrennen und hohe Folgekosten für Krankenversicherer und die öffentliche Hand verursachen.
Irène Röttger erarbeitet derzeit intensiv am Konzept für das neue Angebot. Erste Konturen sind bereits erkennbar: «Unsere Pflegeeinsätze werden immer mit Interventionen verbunden sein, die wir nach den Kriterien wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich erbringen.»

Eigenes Nacht-Team

Das 24-Stunden-Angebot bedeute nicht, dass Mitarbeitende der Spitex Obwalden künftig rund um die Uhr bei den Kunden zu Hause sind. Im Moment wird die Absicht verfolgt, ein eigenes Nachtteam aufzubauen. «Wer für die Spitex Obwalden arbeitet, muss nicht automatisch Nachtdienst leisten», sagt Irène Röttger.
Die Zusammenarbeit mit den Gemeinden basiere auf Wertschätzung und Vertrauen. Dies sei die Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung von komplexen Projekten. «Die Arbeit der Spitex Obwalden wird sehr geschätzt.» Einzelne Gemeinden hätten den Ausbau der Leistungen auf Grund kommunaler Strategien auch erwartet. «Mir ist es wichtig, die Geldgeber früh in einen solchen Entwicklungsschritt einzubeziehen», erklärt Irène Röttger ihre Strategie im Umgang mit den Gemeinden.

Erfolgreiche Nachtspitex im Kanton Zug

Einen Schritt weiter als die Spitex in Obwalden ist die Spitex im Kanton Zug. Bereits seit 2015 wird kantonsweit ein Spitex-Nachtdienst angeboten. Damals wurde die Nachtspitex vorerst einmal für die Dauer von vier Jahren lanciert.
«Das Projekt verläuft positiv und der Bedarf ist ausgewiesen», sagt », sagt Roland Zerr, der Präsident der Spitexkommission. «Zur Initialisierung des Nachtdienstes hat die Spitex Kanton Zug einen Teil der Restkosten mit Beiträgen aus dem Spitex-Spendenfonds gedeckt und so den Gemeinden ermöglicht, das Angebot rascher aufzubauen. Die Spitexkommission des Kantons Zug möchte, dass die Nachtleistungen auch nach 2018 angeboten werden.»
Die elf Zuger Gemeinden sind in der Konferenz Langzeitpflege zusammengeschlossen, finanzieren die ungedeckten Pflegekosten der spezialisierten stationären Langzeitpflege und leisten Beiträge an die Spitex-Leistungen. In der neuen, zur Zeit in der Vernehmlassung befindlichen Leistungsvereinbarung mit der Spitex Zug sei das Nachtangebot enthalten, so Roland Zerr.

«Wir können die Care-Migration nicht negieren»

Vermutlich in der Schweiz einzigartig ist das Angebot, das die öffentliche Spitex Burgdorf-Oberburg macht: Sie bietet eine 24-Stundenbetreuung mit Mitarbeiterinnen aus der Slowakei an. «Wir können die Care-Migration nicht negieren», sagt Geschäftsleiterin Erika Wüthrich Rösch. «Als öffentliche Spitex-Organisation wollen und müssen wir eine Antwort liefern.»
Bei ihren Einsätzen fanden Spitex-Fachleute immer wieder Situationen vor, wo Kundinnen und Kunden selber Hilfen aus Osteuropa angestellt hatten. Die Qualität sei unterschiedlich gewesen. Darum wurde Erika Wüthrich Rösch 2015 aktiv, trommelte Vertreter aus Politik, Gesundheitswesen und der Verbandsspitze zusammen und holte sich den Auftrag, ein Projekt zu entwickeln.
Es folgten Abklärungen und Gespräche. Dann stellte Erika Wüthrich Rösch die Geschäftsführerin Ildikò Siegenthaler an. Sie stammt ursprünglich aus der Slowakei und lebt seit zwanzig Jahren in der Schweiz. «Für uns ein Glücksfall.» Jemand, der beide Kulturen kennt und beide Sprachen spricht, sei wichtig.

Nur, was ethisch vertretbar ist

Eine Reise in die Slowakei brachte zusätzlich Klarheit. «Anfänglich hatte ich grosse Zweifel.» Doch erst als sie vor Ort erfuhr, dass solche Einsätze für die Slowakinnen oft die einzige Möglichkeit sind, ihre Familien finanziell zu unterstützen, wurde aus der Skeptikerin eine Befürworterin. «Wir machen nur, was moralisch und ethisch vertretbar ist», sagt Erika Wüthrich Rösch.
Wer das 24-Stundenangebot nutzen will, muss der slowakischen Betreuerin ein eigenes Zimmer mit Telefon- und Internetanschluss zur Verfügung stellen. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 45 Stunden. An einem Tag hat die Betreuerin frei.
Gelegentlich einmal in der Nacht aufstehen, das sei in Ordnung. «Doch wenn regelmässig und mehrmals Unterstützung in der Nacht nötig ist, überdenken wir das Setting.» Derzeit umfasst der Pool 18 Slowakinnen, die in ihrem Land einen Pflegehelferinnenkurs absolviert haben und über viel Praxiserfahrung verfügen.
Was empfiehlt Erika Wüthrich Rösch Nachahmern? «Überlegt euch das gut!» Es sei wichtig, dass es dieses Angebot gebe. Doch: «Unsere Gesetze sehen ein solches Arbeitsmodell schlicht nicht vor. Das ist eine ganz besondere Herausforderung.»
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