Die Gesundheitskosten explodieren! — Wirklich?

Wussten Sie, dass die Steuerbelastung des Durchschnitts-Haushalts zuletzt viermal steiler anstieg als die Krankenkassen-Prämien? Der Helsana-Ausgabenreport stellt diverse Wahrheiten in ein neues Licht.

, 21. Dezember 2016, 09:21
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«Unsere Gesellschaft als Ganzes kann sich die anfallenden Gesundheitsausgaben tendenziell immer besser leisten»: Der verblüffende Satz findet sich im Helsana-Ausgabenreport 2016. Weiter steht da: «Regelmässig ist sowohl in den Medien als auch von Exponenten des Gesundheitswesens zu hören, dass sich die Schweiz dieses teure Gesundheitswesen nicht mehr leisten könne. Die Zahlen zeigen das Gegenteil.»
Die Rechnung dahinter: Nimmt man das Wachstum des Bruttoinlandprodukts pro Kopf – also: den durchschnittlichen Wohlstand –, und zieht man dann die Gesundheitskosten oder auch die Krankenkassenprämien davon ab, so bleibt heute immer noch deutlich mehr übrig als beispielsweise vor zwanzig Jahren.  
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Zum Helsana-Report: «Ausgabenentwicklung in der Gesundheitsversorgung», 12/2016

Der Helsana-Ausgabenreport, jetzt erschienen, verarbeitet Daten von über 1,2 Millionen Kunden sowie eine Unzahl öffentlicher Informationen. Am Ende stellt er die Ausgaben im Gesundheitswesen in diverse Rahmen – in die zeitliche Entwicklung, in den regionalen Vergleich, ins Verhältnis zur Effizienz.
Dies führt zu allerhand Resultaten, die nicht weiter erstaunen. Zum Beispiel: Der grösste Teil des Kostenwachstums entfällt auf die Alterung und auf die Zuwanderung. Oder: Den grössten Ausgabenschub in der Grundversicherung verursachten in den letzten Jahren spitalambulanten Kosten.

Es geht um die Lastenverteilung

Aber es führt auch zu ungewohnten Einsichten. Bemerkenswert etwa: Wer von einer Kostenexplosion im Gesundheitswesen redet, müsste eigentlich umso eifriger über die Steuerexplosion debattieren
Denn wie die Helsana-Statistiker vorrechnen, stieg die Belastung des helvetischen Durchschnitts-Haushalts durch die Grundversicherung seit 2006 um rund 100 Franken. «Im selben Zeitraum», so der Report, «ist die Steuerbelastung um 370 CHF pro Monat, also um das 4-fache der Grundversicherungsprämien, gestiegen».
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Verwendung des monatlichen Bruttoeinkommens im Durchschnittshaushalt, 2006 bis 2014 (Grafik: Helsana)
Dabei streitet der Bericht gar nicht ab, dass die Höhe der Gesundheitskosten und der Prämien ein Problem bilden kann. Entscheidend sei aber die Lastenverteilung auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen. «Regulatorische Massnahmen, die allein das Gesundheitswesen im Auge haben, greifen daher zu kurz.»
Eine wichtige Tendenz, die der Ausgabenreport dabei festmacht: Die solidarischen Finanzierungsformen verdrängen die privaten Formen. Das heisst: Der Anteil der Grundversicherung und der Kantone an den Gesundheitskosten stieg seit 2008 an (um je rund 1,5 Prozent). Derweil sank der Anteil der Privatversicherungen oder der privaten Out-of-Pocket-Zahlungen.

Mehr Spezialisten – viel mehr Grundversorger

Im Widerspruch zu gängigen Bildern stehen auch diverse Helsana-Aussagen zu Ärztedichte respektive -mangel. Rein quantitativ, so etwa eine Feststellung, lief der Trend hin zu den Grundversorgern. In Zahlen: Während die Ärztedichte bei den Spezialisten gesamtschweizerisch von 2008 bis 2015 um 4 Prozent stieg, nahm sie bei den Grundversorgern um satte 20 Prozent zu.
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Entwicklung von Spezialärzten und Grundversorgern nach Kantonen seit 2008 (Tabelle: Helsana)
Die Autoren stellen denn auch trocken fest: «In praktisch allen Kantonen nimmt die Ärztedichte zu. Die Ärztedichte ist als Mengen- und Steuerungsinstrument ungeeignet.»
Zwar sei es kein Zweifel, dass die Kosten mit der Anzahl Ärzte korrelieren. Doch auf der anderen Seite finde sich keine Korrelation zwischen Ärztedichte und ärztlichen Leistungen am Patienten. Oder anders: Die Leistungen pro Patient sind so ziemlich überall gleich.
Die Helsana-Statistiker zeigen dies am Beispiel von Baselland sowie Schwyz. Im Baselbiet gibt es relaviv wenige Grundversorger, in Schwyz hat es pro Kopf der Bevölkerung sehr viele Hausärzte. Doch siehe da: Die Leistungen pro Patient waren in beiden Kantonen ähnlich.

Mal Arztkosten, mal Spitalkosten

Eine ähnlich widerspenstige Aussage bringt ein Vergleich der beiden Kantone mit den höchsten Gesundheitskosten ans Licht – also von Basel-Stadt und Genf. Die Arztkosten pro Patient liegen in Basel-Stadt praktisch im schweizerischen Durchschnitt. Aber: Die Spitalkosten landen in Basel mit grossem Vorsprung an der Spitze. In Genf hingegen liegen die Arztkosten am höchsten – während die Spitalkosten pro Patient dort einigermassen moderat sind.
Das heisst: In den beiden teuersten Kantonen unterscheiden sich die Hauptkomponenten diametral. In Basel-Stadt treiben die Spitalkosten das Gesamte nach oben, in Genf sind des die Ausgaben in den Arztpraxen. In der Interpretation halten sich die Autoren zurück – ausser eben mit der Überlegung, dass die Ärztedichte kaum als Steuerungsinstrument zu taugen scheint. 

Spitäler werden im Medikamentenhandel immer wichtiger 

Die Helsana-Report lässt sich auch als Beitrag in der Debatte um Medikamentenkosten und Handelsmargen lesen. Die Statistik zeigt: Zwischen 2008 und 2015 stiegen die OKP-Ausgaben für Heilmittel um 15 Prozent bei den Apotheken und ebenfalls um 15 Prozent bei den selbstdispensierenden Ärzten.
Dies erkläre sich aus der Erhöhung der durchschnittlichen Herstellerpreise und aus dem Mengenwachstum, schreiben die Helsana-Statistiker. Die Apothekenstruktur verändere sich kaum. 
«Tarifierungssysteme bremsen offensichtlich nicht»
Deutlich aber fiel das Wachstum im spitalambulanten Bereich aus: Hier sprangen die Medikamenten-Ausgaben von 2008 bis 2015 um 74 Prozent nach oben. Das spiegelt einerseits das allgemeine Wachstum dieses Bereichs – aber es wird auch offensichtlich, dass die Spitäler ihre Marktanteile im Heilmittel-Sektor ausweiten. 
«Die Tarifierungssysteme bremsen die Expansion in diesem Bereich offensichtlich nicht», so ein Fazit der Studie, «sie dürften sie eher begünstigen».
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