Der Schweizer Spitalmarkt funktioniert: mit staatlicher Regulierung

Für Simon Hölzer braucht es keine grossen Reformen im Schweizer Gesundheitswesen, sondern ein Feintuning am Zusammenspiel von Markt und Staat.

, 17. Dezember 2021, 12:19
image
  • simon hölzer
  • drg
Es gibt praktisch kein Land, in dem ein rein Markt-orientiertes Gesundheitswesen funktional umgesetzt ist. Im Gegenteil tendieren stark marktwirtschaftliche Gesundheitssysteme, wie in den USA, zu hohen Kosten oder zu hohen privaten Kostenbeteiligungen im Krankheitsfall. Das KVG setzt vernünftige Leitplanken in einer Verbindung aus Markt und staatlichen Regularien: Entsprechend spielt der Markt und Wettbewerb bereits heute. Dabei kann nun der Fokus auf einer strikten Umsetzung des KVGs liegen und der zukünftige Regulierungsbedarf kann sich hieraus ableiten.  
  • image

    Simon Hölzer

    Geschäftsführer DRG

    Gesundheitsökonom, Facharzt für Allgemeinmedizin und Geschäftsführer DRG

Versorgungsqualität
Corona hat gezeigt, dass nicht nur Wettbewerb, sondern überregionale Kooperationen der Spitäler zur Steigerung der Qualität gefördert werden sollten. Dies kann durch einen Mix aus einer Umsatz-orientierten Vergütung über SwissDRG-Fallpauschalen und einer Deckung von fallzahlunabhängigen Vorhaltekosten, unter anderem über Gemeinwirtschaftliche Leistungen (GWL), sichergestellt werden.
Von einer höheren Qualität, potentiell mehr Patienten und Umsatz profitiert das Spital direkt über die DRG-Finanzierungslogik. Diese Mechanismen des Marktes sind intakt und funktionieren. Dort wo nötig kann Qualität indirekt über Personal- oder Infrastrukturvorgaben gezielt finanziert oder gefördert werden. Auch hier wiederum möglichst einheitlich und für alle qualifizierten Leistungserbringer in gleicher Höhe.
So liegt es auf der Hand, was Umsatz-bezogen finanziert werden kann und welche Bereiche, z.B. über Aktivitäts-bezogene GWL, allenfalls für zukünftige Krisen - mit dem Blick auf eine faire Finanzierung - vorsorglich geregelt werden sollten. Eine finanzielle Sicherheitsmarge für gut ausgebildetes Personal erscheint dabei erstrebenswerter als eine pauschale Bereitstellung von «Geld für Nicht-Leistung» bzw. die Rückabwicklung von Ertragsausfälle. Zu normalen Zeiten sollten alle in der Spitalplanung als notwendig erachteten Spitäler unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit kostenorientiert und mit konkurrenzfähigen Preisen arbeiten können. Für Krisenzeiten wäre dann derjenige Teil der als System-relevant eingestuften Spitäler auch finanziell gewappnet.

Fairer Wettbewerb

Die Kernfrage bleibt, an welchen Stellen der Staat in den Markt steuernd eingreifen sollte, da sich dessen Akteure nicht per se vernünftig verhalten. Und wie kann dieser steuernde Eingriff geschehen ohne den Wettbewerb zu unterbinden und zusätzliche Ungleichheiten zu schaffen. Denn es sind im aktuellen Gesundheitsmarkt diese Ungleichheiten, die zu einer Marktverzerrung und allenfalls Bestrafung effizienter Leistungserbringer führt. Problematisch sind die Vielzahl an Einzelmassnahmen, Sondertatbeständen und Finanzierungsmöglichkeiten abseits einheitlicher Vorgaben. So wird die Preisflexibilität in den gesetzlich verankerten, tarifvertraglichen Preisverhandlungen überstrapaziert, da die direkte Vergleichsmöglichkeit eingeschränkt wird und damit die Marktmechanismen ausgehebelt werden können.

Kantonale Hoheit

Parallel sollte es sich die Schweiz leisten können, gewünschte Versorgungsstrukturen und die Innovationskraft regionalpolitisch zu fördern und zu finanzieren. Dies darf aber nicht auf Kosten wichtiger Marktmechanismen, unter anderem den Vergleichsmöglichkeiten im Rahmen des oben genannten Preis-Benchmarks, gehen. So wäre z.B. eine Vereinheitlichung der zweckgebundenen Finanzierung zwingend notwendiger GWL wünschenswert. Und eine Regelung, in welcher Form sich die einzelnen Anbieter für die Erbringung dieser Leistungen qualifizieren. Auch hier sind mit den kantonalen Leistungsaufträgen oder mit der Möglichkeit der Ausschreibung von Leistungspaketen die Werkzeuge vorhanden.

Feintuning statt grosse Reformen

Ein Feintuning kann sicherstellen, dass die Grundsätze der neuen Spitalfinanzierung gemäss den Anpassungen des KVGs aus dem Jahr 2009 konsequenter umgesetzt werden. Das Preisniveau pro Spital zur Erbringung der notwendigen und sachgerechten Leistungen (WZW) kann mittels Benchmark über alle Spitäler hinweg statistisch robust gefunden werden. Abweichungen sind möglich, erklärbar und deshalb auch begründbar. Es liesse sich darlegen, um wieviel teurer oder günstiger ein Spital im Vergleich zum Markt ist. So kann gesundheitspolitisch diskutiert werden, welche Differenzen tolerierbar sind und ob allenfalls grössere Abweichungen im Einklang mit den Bedürfnissen der Bevölkerung stehen. Trotz dieser staatlichen Regulierung bleibt das Schweizer Gesundheitswesen sehr liberal. Der Markt ersetzt nicht den Staat oder umgekehrt. Es braucht keine grossen Reformen, sondern ein Feintuning am Zusammenspiel von Markt und Staat. 
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Covid-19 ist auch für das DRG-System eine Herausforderung

Die Fallpauschalen wurden für die Vergütung von Covid-19-Behandlungen adaptiert. Dieses Fazit zieht der Direktor eines Unispitals.

image

Preisdeckel für lukrative Spitalbehandlungen?

Das DRG-Modell setzt Fehlanreize, die zu Mengenausweitungen führen. Der Bund will deshalb eine gedeckelte Grundpauschale - für den Direktor des Unispitals Basel ist das der völlig falsche Weg.

image

«Bereinigung ist immer mit Spannungen verbunden»

Die neue BAG-Direktorin Anne Lévy spricht im grossen «Medinside»-Interview unter anderem über ihre Pläne für das Gesundheitswesen, den aktuellen Ausnahmezustand und die Kritik am BAG.

image

Unispital-Präsident fordert andere Spitalfinanzierung

Insel-Gruppen-Präsident Bernhard Pulver kritisiert den Bundesrat.

image

Müssen bald 120 Spitäler schliessen?

Der Spitalverband Hplus warnt vor einem massiven Spitalsterben - und vor einem riesigen Stellenabbau. Schuld sei der Bund. Was steckt dahinter?

image

Gesundheitsökonomen plädieren für Kopfpauschalen

Capitation­-Modelle spielen in der Schweiz kaum noch eine Rolle. Dabei sind regionale Gesundheitsbudgets laut Gesundheitsökonomen «effi­zien­ter» als andere Lösungen.

Vom gleichen Autor

image

Insel Gruppe: Chefarzt Stephan Jakob gibt Leitung weiter

Joerg C. Schefold übernimmt die Klinikleitung der Intensivmedizin am Berner Inselspital. Er folgt auf Stephan Jakob, der in Pension gehen wird.

image

Ärzte greifen während Arbeit zu Alkohol und Drogen

Da die Belastung im Gesundheitswesen hoch ist, erscheinen offenbar Ärzte sogar betrunken oder high zur Arbeit. Dies zumindest geht aus einer Umfrage aus den USA hervor.

image

Ist Mikroplastik im Blut eine Gefahr für die Gesundheit?

Die Basler Nationalrätin Sarah Wyss will wissen, welchen Einfluss Mikroplastik auf die menschliche Gesundheit hat. Hier die offizielle Antwort des Bundesrates.