Höhere Krankenkassen-Prämien: Die FMH spielt den Ball zurück

Die Ärztegesellschaft erklärt die steigenden Gesundheitskosten primär aus gesellschaftlichen Trends – und sichtet eine Mitverantwortung bei Versicherern und Behörden.

, 16. September 2016, 09:25
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Es war absehbar, dass sich die Ärzte diesen Herbst gegen Vorhaltungen wappnen müssen, eine Hauptrolle beim Anstieg der Gesundheitskosten zu spielen. Und so äussert sich jetzt auch die Ärztegesellschaft FMH im Vorfeld der Prämien-Ankündigungen. 
Die Standesorganisation veröffentlichte am Freitag mehrere Erklärungen, weshalb die Teuerung eher system- und gesellschaftsbedingt ist als von den Ärzten verursacht – insbesondere im ambulanten Bereich. «Eine älter werdende Bevölkerung beansprucht mehr ärztliche Leistungen», heisst es einleitend. «Ebenso nehmen die Behandlungsmöglichkeiten zu und damit auch die Inanspruchnahme dieser neuen Leistungen.»
Die FMH sichtet aber noch weitere konkrete Problemfelder:
Verschobene Wahrnehmung. Die Verschiebung von den stationären zu den ambulanten Kosten zeichne ein einseitiges Bild: Sie bremse zwar die Ausgaben, erhöht aber die Krankenkassenprämien – weil die stationäre Versorgung hauptsächlich über Steuern, die ambulante Versorgung hingegen voll über Prämien finanziert wird. Der Trend hin zur ambulanten Behandlung führe somit zu einer stärkeren Belastung der Prämienzahler.
Arbeitsdruck als Kostentreiber. Mehr erkrankte Erwerbstätigen, mehr psychische Erkrankungen, mehr Beschwerden des Bewegungsapparates: In der Schweiz seien diverse Gesundheitsentwicklungen spürbar, die sich aus Produktionsstress, stereotypen Arbeiten oder Bewegungsmangel erklären. Gerade diese Beschwerden haben es laut FMH in sich, dass vermehrt ambulante Behandlungen benötigt werden.
Mehr Bürokratie. Sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich werden den Ärzten mehr und mehr administrative Aufgaben aufgehalst. Die FMH zitiert dabei aus dem «International Health Policy Survey» 2015 des Commonwealth Fund. Danach nimmt jeder zweite Grundversorger in der Schweiz den mit Versicherungen verbundenen administrativen Aufwand als grosses Problem wahr, jeder Dritte betrachtet auch den Aufwand für die Erfassung klinischer Daten oder das Sammeln von Qualitätsdaten für staatliche oder andere Institutionen als problematisch. Und der Anteil der Grundversorger, die mindestens 75 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Patientenkontakten verbringen können, nahm deutlich ab.
Die Ärzte spielen hier also den Ball auch zurück an die Versicherer – und an die Behörden.
Mehr Ärzte heisst nicht mehr Menge. In der heutigen Stellungnahme greift die FMH auch den Verdacht auf, dass die Ärzte quasi durch ihre reine Präsenz Kostentreiber sein könnten. Denn man habe es in der Schweiz keineswegs mit einer Erhöhung der verfügbaren «Arztzeit» zu tun. Dies, weil heute zur Abdeckung eines 100-Prozent-Pensum mehr Ärzte nötig sind als früher. Denn zum einen leisten die Ärzte nicht mehr die Mega-Pensen früherer Generationen – und zum anderen arbeiten ohnehin viele Teilzeit.
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