«Die Hausarztmedizin ist jetzt auch im Spitalalltag präsent»

Christian Häuptle ist der Leitende Arzt für Hausarztmedizin am Kantonsspital St. Gallen. Er war Wegbereiter des Weiterbildungs-Programms der Allgemeinen Inneren Medizin und sitzt in zahlreichen Fachgremien. Wie die Hausarztmedizin ins KSSG kam, erzählt er im Interview.

, 27. Februar 2017, 07:06
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Herr Dr. Häuptle,
 Sie haben Ihre Praxis im Jahr 2015 aufgegeben. Sind Sie jetzt nur noch im Spital tätig?
Ja, zu 80 Prozent. Es wurde einfach alles zu viel mit der Zeit. Ich habe vor zehn Jahren an der Klinik angefangen, damals mit einem Pensum von 20 Prozent. Das hat sich aber innert Kürze auf 50, 60 und am Schluss 80 Prozent gesteigert. Eine volle Praxis und «daneben» 80 Prozent Kliniktätigkeit – das schafft der Stärkste nicht.
Wie sind Sie zu dieser Stelle gekommen?
Wie die Jungfrau zum Kind. Ich war als Praktiker lange in der «Kontaktgruppe Praxis-Spital», einer Gruppe von niedergelassenen Ärzten und Chefärzten des Kantonsspitals St.Gallen. Wir haben dort jeweils eine «Chropfleerete» gemacht und diskutiert, was im Zusammenspiel von Klinik und Praxis nicht optimal verläuft und verbesserungswürdig ist. 
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Dieses Interview erschien in der neuen Ausgabe 1/2017 von «Praxisdepesche», dem informativen Schweizer Ärztemagazin.
In dieser Gruppe war unter anderem auch Christa Meyenberger, die ehemalige Chefärztin der Gastroenterologie in St.Gallen. Wir haben uns gut verstanden und stellten beide fest, dass der Mangel an Hausärzten für die Grundversorgung im Kanton St. Gallen zu erheblichen Problemen im kantonalen Gesundheitswesen führen wird und man hier dringend Gegensteuer geben muss.
Was taten Sie?
Im Februar 2006 gingen wir guet go Znacht esse, ins Restaurant «Segreto» – nomen est omen. Auf einer Menükarte haben wir unser Konzept entworfen.
Was stand auf der Karte?
Ausgehend von der Zielvorgabe, die Hausarztmedizin mit einem attraktiven und innovativen Programm auf Ausbildungs- und Weiterbildungsebene zu fördern, haben wir ein Konzept kreiert, dem wir den Namen Kleeblatt gaben. Als Schwerpunkte haben wir die Praxisassistenz, die Weiterbildung in den «kleinen», aber für die Hausarztmedizin wichtigen Fächern, die Laufbahnberatung und Betreuung der jungen Ärztinnen und Ärzte sowie die Präsenz der Hausarztmedizin an ihrem Arbeitsort, also im Spital, definiert. Mit zwei Kollegen aus der Praxis und dem damaligen Chefarzt der Allgemeinen Inneren Medizin, Peter Greminger, haben wir das Programm entwickelt und ausformuliert. 
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    Christian Häuptle

    Christian Häuptle, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, war von 1985 bis zur Praxisübergabe 2013 als Hausarzt in Gossau tätig. Er ist Leitender Arzt für Hausarztmedizin am Kantonsspital St. Gallen und hat diverse Mandate im Bereich der Ausbildung junger Hausärzte. Reduziert ist er immer noch als Praxisarzt tätig.

Am 1. April 2006 war ja die Demonstration der Hausärzte in Bern...

Richtig, da war ich auch dabei. Es war das perfekte Timing, der drohende Ärztemangel war das gesundheitspolitische Thema. Wir haben das Konzept bis im Juli 2006 ausgearbeitet. Dann hat unser Mitstreiter, Dr. Andreas Hartmann, zu der Zeit Fraktionspräsident der FDP im Kantonsrat, das Projekt auf die politische Schiene gebracht. Im Oktober 2006 wurde das Geschäft im Kantonsrat behandelt, eine Anschubfinanzierung gewährt und die Regierung beauftragt, eine Vorlage für die Förderung der Hausarztmedizin auszuarbeiten.
Und wie konnten Sie das alles umsetzen?

Wir waren ein starkes Team. Uns war bewusst, dass wir einen starken Partner zur Seite haben müssen, um das Projekt umzusetzen. Uns fehlte viel Know-how, wir brauchten Unterstützung in administrativen Fragen und wir wollten uns vor allem dort positionieren, wo die Assistenzärztinnen und -ärzte arbeiten: im Spital.
Uns schien das Kantonsspital geeignet, weil wir da Synergien optimal nutzen konnten und hier auch der grösste Pool an Assistenzärzten vorhanden war. Der damalige Spitaldirektor, Hans Leuenberger, liess sich vom Hauarztvirus anstecken, nahm uns in sein Spital auf und beschloss, die Hausarztmedizin ins Kantonsspital St.Gallen zu implementieren. «Wenn wir das umsetzen, dann wollen wir den Hausarzt im Spital haben», sagte er.
Wie ging es dann weiter?

Wir haben im Januar 2007 einfach angefangen. Ich war hier in diesem Büro, mit einem Block und einem Bleistift – das war alles. Leuenberger sagte zu mir: «Sie sind sich bewusst, dass Sie keine Vorgaben haben? Sie müssen das alles selber entwickeln.» Das war eigentlich ganz lässig. Man konnte Visionen haben, diese langsam konkretisieren und zu einem Projekt umarbeiten. Das Ganze ging eigentlich nur, weil wir ein schaurig gutes Team waren, vom Gesundheitsdepartement über das Spital bis hin zu den Kollegen in der Praxis. 

«Das Ganze ging eigentlich nur, weil wir ein schaurig gutes Team waren»

Also habe ich angefangen, eine Praxisassistenz und die Curricula, also die Weiterbildung in den kleinen Fächern, zu entwickeln und aufzubauen. Dabei ist uns bei der Curriculum-Weiterbildung eine Pionierrolle zuteil worden. Einiges ist später in das Weiterbildungsprogramm der Allgemeinen Inneren Medizin eingeflossen.
Wie sieht das Curriculum konkret aus?

Wir haben ein Angebot entwickelt, bei dem man sich auch in Fächern wie zum Beispiel Chirurgie, Orthopädie, ORL, Dermatologie et cetera weiterbilden kann. Das Angebot ist breit aufgestellt; zurzeit bieten wir zwölf verschiedene Fachrichtungen an, aus denen man individuell auswählen kann. 

«Die Assistenzärzte sollen Kompetenzen lernen und nicht einfach auf der Station Leute untersuchen»

Unser Anliegen ist es, dass die Assistenzärztinnen und -ärzte auch tatsächlich das lernen, was sie später in der Praxis umsetzen und anwenden können. Sie sollen Kompetenzen lernen und nicht einfach auf der Station Leute untersuchen. Das haben sie ja während der bisherigen Weiterbildung schon bis zum Abwinken gemacht.
Wer bezahlt diese Stellen? Das Spital?

Das Programm ist so aufgebaut, dass der Kanton die Lohnkosten trägt, abzüglich 2000 Franken monatlich, welche bei der Praxisassistenz vom Lehrpraktiker, beim Curriculum von der jeweiligen Klinik bezahlt werden. Der Kanton ist also praktisch in der Lage, die Stellen alle selber zu finanzieren. Wir haben daher Einfluss auf die Gestaltung der Curriculum-Weiterbildung: unsere Ärztinnen und Ärzte arbeiten im Ambulatorium, in den Sprechstunden und auf den Notfallstationen; sie werden nicht im Operationsbetrieb oder auf den Stationen eingesetzt und werden von erfahrenen Klinikärzten supervisiert. 

«Die jungen Ärzte sind hochmotiviert. Das ist auch für eine Klinik interessant»

Zu Beginn herrschte doch etwas Skepsis von Seiten der Kliniken, da man einen zu grossen Aufwand befürchtete. Aber jetzt ist es eine Win-Win-Situation, für die Klinik wie natürlich auch für unsere Weiterzubildenden.
Was meinen Sie damit?
Man muss sich im Klaren sein: Es handelt sich um junge Ärzte, die schon drei Jahre in der Weiterbildung sind. Sie haben schon einiges an Know-how und bringen dieses in die Spezialklinik ein. Daneben sind sie hochmotiviert. Das ist auch für eine Klinik interessant.
Wie entwickelte sich das St.-Galler Programm in der Folge weiter?
Die Hausarztmedizin ist auch im Spitalalltag präsent. Bei den Visiten, an denen ich regelmässig teilnehme, komme ich direkt mit den jungen Kolleginnen und Kollegen in Kontakt. Wir haben uns vom ersten Tag an um sie gekümmert. Wir bieten eine Laufbahnberatung, eine Karriere- planung und eine kontinuierliche Betreuung an und organisieren spezielle Weiterbildungskurse für angehende Hausärztinnen und Hausärzte. Das bedeutete aber auch für mich, dass ich immer mehr am Spital präsent sein musste. 
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Mehr? Lesen Sie das vollständige Interview in der neuen «Praxisdepesche».
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