«Bereinigung ist immer mit Spannungen verbunden»

Die neue BAG-Direktorin Anne Lévy spricht im grossen «Medinside»-Interview unter anderem über ihre Pläne für das Gesundheitswesen, den aktuellen Ausnahmezustand und die Kritik am BAG.

, 27. Januar 2021 um 07:00
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Anne Lévy, im Oktober haben Sie die Direktion des BAG übernommen. Wie haben Sie diesen speziellen Start erlebt?
Das war kein normaler Start. Die Pandemie stand natürlich im Zentrum und überstrahlte alle anderen Aufgaben. Zum Glück traf ich auf ein Team, das gut funktioniert und sehr motiviert ist – auch nach einem Jahr Pandemie noch. Um die Arbeit auf diesem hohen Level halten zu können, haben wir unsere Struktur angepasst. Da bereits im Oktober absehbar war, dass die ausserordentliche Situation noch andauern wird, war dieser Schritt notwendig.
Was haben Sie für Restrukturierungen vorgenommen?
Mir ging es darum, nachhaltigere Strukturen zu schaffen. Wir haben die Verantwortlichkeiten auf mehr Schultern verteilt, Abläufe besser strukturiert und Stellvertretungen anders organisiert. Damit ging auch eine Stärkung des Managements einher. Fachleute wie Epidemiologinnen und Infektiologen, die zusätzlich zu ihren fachlichen Aufgaben auch Managementaufgaben wahrnehmen mussten, können sich dank dieser angepassten Strukturen nun vorrangig auf ihren Fachbereich konzentrieren.
Trotzdem wird das Handeln des BAG von Vielen kritisiert. Wie erklären Sie sich das?
Kritik ist immer erlaubt. Die Arbeit des BAG muss allerdings vor dem Hintergrund der Krise betrachtet werden, was nicht immer einfach nachvollziehbar ist. Eine Krise definiert sich dadurch, dass man nicht wie üblich alles vorausplanen kann, dass man nicht Wochen vorausschauen kann und dass sich manchmal sogar innert eines Tages die Rahmenbedingungen mehrfach verändern. Kein Halt zu haben und mit Unsicherheiten zu leben, ist für viele schwierig zu akzeptieren. Und ich habe viel Verständnis dafür, dass alle genug davon haben.

Zur Person

Seit 1. Oktober 2020 ist Anne Lévy BAG-Direktorin. Zuvor leitet die heute 49-Jährige fünf Jahre lang als CEO die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und stand dort rund 1300 Mitarbeitenden vor. Lévy hatte zuvor schon einmal für das BAG gearbeitet, als sie unter anderem die Sektion Alkohol und Tabak leitete. Bis 2019 präsidierte die studierte Politologin mit Executive MBA zudem die Stiftung Sucht Schweiz.
Die Corona-Pandemie ist für die Spitäler eine wirtschaftliche Belastung. Das Bundesparlament hat finanzielle Hilfen im Dezember abgelehnt. Was raten Sie den Spitälern?
Die Situation ist für alle Unternehmen schwierig, nicht nur für die Spitäler. Die Spitäler fallen in den Verantwortungsbereich der Kantone. Deren Aufgabe ist es, zusammen mit den Leistungsträgern und Versicherern Lösungsansätze auszuarbeiten. In der Evaluation der Pandemie wird die Bedeutung der Covid-19-Pandemie für die Spitäler ein zentraler Punkt sein.
Zeigen sich nun in der Krise nicht einfach auch strukturelle Missstände, die schon zuvor im System vorhanden waren? So schrieben schon vor dieser sehr viele Spitäler nicht genügend Gewinn, um damit die nötigen Investitionen zu decken.
In Krisen zeigen sich die Starken stärker und die Schwachen schwächer. Aktuell ist aber ein schwieriger Moment, um ein Fazit zu ziehen. Noch immer befinden wir uns in einer Krisensituation. Vor der Krise, 2019, haben wir die Revision der Spitalfinanzierung evaluiert. Mit dem Ergebnis, dass die Instrumente der neuen Spitalfinanzierung grundsätzlich die gewünschten Wirkungen erzielen. Aber ja, vielleicht zeigen sich nun wegen Corona auch Folgen von Fehlern, die zuvor gemacht wurden. Darauf zu reagieren, wird eine Aufgabe der Kantone sein.
Was verlangen Sie von den Kantonen?
Die Kantone müssen eine Spitalplanung machen, welche effektiv den Bedürfnissen der Menschen entspricht. Es braucht zudem auch überkantonale Koordinationsmodelle in diesem Bereich. Auch das lehrt uns die aktuelle Krise. Im Rahmen einer überkantonalen Spitalplanung geht es etwa um die Frage, wie sich die Kantone gemeinsam effizient organisieren.
Das DRG-Modell soll über den Wettbewerb zwischen den Spitälern für Kostensenkungen und bessere Qualität sorgen. Ist das aus Ihrer Sicht gelungen?
Klar ist: Sparmassnahmen dürfen nicht zulasten der Qualität gehen. Man muss schauen, welche Spitäler es braucht. Auch da wird die Pandemie Erkenntnisse liefern: Kommt man dank den grossen oder den kleinen Spitälern durch die Krise? Für abschliessende Aussagen ist es allerdings noch zu früh. Dies wird erst nach Ende der Pandemie beziehungsweise nach Verfügbarkeit der dazugehörigen Daten möglich sein. Ich sehe die Krise diesbezüglich bei allem Leid auch als Chance. Das war und ist ein Test, wie gut die Schweiz aufgestellt ist.
Und, wie lautet da Ihr Zwischenfazit?
Es freut mich zu sehen, dass das Gesundheitssystem gut dasteht. Klar, die zweite Welle kam schnell und heftig, mit mehr Fällen als in den Nachbarländern. Das strategische Ziel der Pandemiebekämpfung, die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, konnten wir jedoch einhalten. Unser breit aufgestelltes System konnte die Belastung auffangen, unter anderem, weil sich Spitäler bereit erklärten, IPS-Patienten und -Patientinnen aus anderen Kantonen aufzunehmen.
Ganz unabhängig von Corona sorgt das aktuelle Spitalfinanzierungsmodell für Fehlanreize. Einsparungen an einer Stelle werden durch Mengenausweitungen gleich wieder hereingeholt. Wie wollen Sie Fehlanreize minimieren?
Wir haben 2019 zum ersten Mal einen Spitalvergleich veröffentlicht. Denn die Einführungszeit der DRG ist vorbei. Nun kann man belastbare Vergleiche machen und Transparenz darüber herstellen, welcher Kanton und welches Spital wie arbeitet.
Spitäler, Pharmaindustrie, Ärztinnen und Ärzte, weitere Anbieter, Versicherer, Kantone, Patienten, Prämienzahlerinnen - das Gesundheitswesen ist von Partikularinteressen durchzogen. Ist das System überhaupt zu Veränderungen fähig?
Das Gesundheitswesen ist komplex, da gebe ich Ihnen recht. Es gibt in allen Branchen viele Stakeholder - aber das Gesundheitswesen ist da schon ein Spezialfall. Das sieht man auch in der Pandemie. Wurde zuvor moniert, es gebe zu viele Betten, war es nun plötzlich umgekehrt. Ich habe aber das Gefühl, dass es insgesamt in die richtige Richtung geht. Mit den DRG etwa - oder den Kostendämpfungspaketen.
Es ist doch aber schon viel Spannung vorhanden zwischen den Akteuren: Als der Bundesrat das Kostendämpfungspaket für den stationären Bereich vorstellte, reagierte der Spitalverband mit der Mitteilung, 120 Spitäler stünden vor dem Aus. Und die Krankenkassen sehen es genau umgekehrt.
Bereinigung ist immer mit Spannungen verbunden. Je mehr Transparenz und Erfahrung man mit dem System aber hat, desto besser lassen sich Veränderungen durchführen. Früher sagte man, dass jeder kantonale Gesundheitsdirektor seine Spitäler verteidige, weil er sonst abgewählt werde. Das hat sich verändert. Denn auch die Bevölkerung sieht, dass es darum geht, gute Angebote zu haben. In diesem Bereich hat sich die Wahrnehmung verändert.
Sie sprechen von Bereinigungen. Was ist deren Endergebnis?
Das Ziel ist eine gute Gesundheitsversorgung mit niederschwelligem Zugang. Ich gehe davon aus, dass künftig mehr ambulant behandelt wird und Qualitätskriterien ins Zentrum rücken.
Wird es zu Spitalschliessungen kommen?
Das wird man sehen. Ich vermute, dass sich die Angebote auf die geografischen Zentren fokussieren werden.
Eine Verliererin des Systems ist das Personal. Personalkosten sind der grosse Kostenblock, gespart wird folglich dort. Wie sehen Sie das und wie kann man dem entgegenwirken?
Das Gegenteil ist der Fall. Das Gesundheitsfachpersonal hat aktuell ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen. Für diese fundamentale Arbeit sind wir sehr dankbar. Der Respekt und die Wertschätzung für die Arbeit des Gesundheitsfachpersonals ist im letzten Jahr aber stark gewachsen.
Bei den Lohnabschlüssen ist es aber zu keinen Verbesserungen gekommen.
Grundsätzlich ist es die Aufgabe der Spitäler, die Löhne auszuhandeln. Meines Erachtens geht es allerdings um mehr als den Lohn. Man wird sehen, wie sich die veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung auf die Gesundheitsberufe auswirken wird.
Was sind Ihre Visionen für die zukünftige Ausgestaltung des Gesundheitswesens?
Ich konnte mein Amt zu einem Zeitpunkt übernehmen, an dem die Gesundheitsstrategie 2030 schon publiziert wurde. Die Umsetzung ist auf mehrere Jahre ausgerichtet, und sie wird sich wegen der Pandemie sicher etwas verzögern. Ein Schwerpunkt ist eindeutig die Digitalisierung. Diese ist für das Gesundheitswesen wichtig – wie auch im internationalen Umfeld hinkt das Gesundheitswesen in der Schweiz in Bezug auf die Digitalisierung etwas hinterher. Da wollen wir den Schwung des letzten Jahres mitnehmen und die Digitalisierung vorwärtsbringen.
Doch schon kleiner Projekte wie der digitale Impfpass laufen harzig. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Die Gesundheitsdaten sind extrem empfindliche Daten. Solch sensible Daten gibt es sonst vielleicht noch beim Bankkonto. Bei letzterem gibt es aber nur zwei Parteien, die darauf Zugriff haben, den Kunden und die Bank. Aktuell ist das beim Impfbüchlein auch so. Wenn man aber das digitale Potenzial des Impfbüchleins ausschöpfen will, etwa als zusätzliches Reisedokument, werden neue Schnittstellen geschaffen und es haben entsprechend auch mehr Parteien auf die Daten Zugriff. Sie sehen, digitale Projekte im Gesundheitsbereich sind sehr komplex. Mit dem digitalen Impfbüchlein sind wir auf einem sehr guten Weg.
Es gibt aber auch fundierte Kritik am Impfbüchlein.
Was wird denn kritisiert?
Dass die Stiftung, die das digitale Büchlein herausgibt, von der Pharmaindustrie mitfinanziert wird und dass die Technik veraltet ist.
Das digitale Impfdossier von meineimpfungen.ch ist die erfolgreichste Plattform in der Schweiz im medizinischen Bereich. Rund 300'000 Personen haben ein digitales Impfdossier von meineimpfungen.ch. Die Plattform ist seit Jahren stabil, der Betrieb läuft ohne grössere Probleme. Nun steigt die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer rasch an. Das ist erfreulich. Ein solcher Anstieg stellt aber jede digitale Lösung vor Herausforderungen. Ausserdem ist der technische Fortschritt in diesem Bereich enorm. Ich finde, dass das Tool simpel und gut funktioniert.
Noch einmal zurück zur Frage, wie Sie das Gesundheitswesen verändern möchten.
Neben der Digitalisierung möchte ich allen den Zugang zum Gesundheitssystem ermöglichen und Ungleichheiten beseitigen. Die Lebenserwartung ist in der Schweiz je nach sozioökonomischem Hintergrund immer noch unterschiedlich. Deshalb muss die Gesundheitsversorgung niederschwelliger gestaltet und die Prävention ausgebaut werden.
Ein Problem sind da auch die hohen Prämienlasten, welche für viele eine Belastung sind. Was sind da Ihre Pläne?
Mit dem Gegenvorschlag zur Prämien-Entlastungs-Initiative tut sich da aktuell etwas. Klar ist, dass das System bezahlbar bleiben muss. In der Pandemie zeigt sich aber auch, dass wir alle vom guten Gesundheitssystem profitieren. Medizinischer Fortschritt und Kostendämpfung sind ein Zielkonflikt. Wir müssen darauf hinarbeiten, diesen Widerspruch aufzulösen – auch wenn dies wohl nie ganz gelingen kann.
Sie leiteten vor dem BAG eine psychiatrische Uniklinik. Die epidemiologisch sinnvollen Massnahmen haben auch negative Nebeneffekte: Die Zahl der Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden, ist stark angestiegen. Machen Sie sich nun für eine Einführung des Anordnungsmodells für Psychologinnen und Psychologen stark, das zu scheitern droht?
Der Bundesrat hat 2019 dessen Einführung vorgeschlagen. Die Vernehmlassung ist abgeschlossen. Seitens des BAG setzen wir auf Austausch und werden mit allen Betroffenen nochmals Gespräche führen. Die Situation ist für uns alle sehr schwierig und wir können einen Anstieg an psychischer Belastung in der zweiten Covid-19-Welle feststellen. Vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind betroffen. Das BAG engagiert sich deshalb stark im Bereich der psychischen Gesundheit. Beispielsweise haben wir im Dezember den Aktionstag «Psychische Gesundheit in Zeiten der Coronavirus-Pandemie» angestossen.
Gerade für Kinder und Jugendliche fehlen doch psychiatrische Therapieplätze?
Das stimmt. Da sind aber auch die Psychiaterinnen und Psychiater in der Pflicht, für mehr Berufsnachwuchs zu sorgen.
Bis dieser Nachwuchs ausgebildet ist, dauert es zehn Jahre. Therapeutische Psychologinnen und Psychologen sind einsatzbereit. Es fehlt doch nur noch das Anordnungsmodell?
Dass die Psychologinnen und Psychologen ein zentraler Pfeiler des psychotherapeutischen Angebots sind, ist unbestritten. Und wie gesagt: Der Bundesrat hat die Einführung vorgeschlagen, wir befinden uns auf einem konstruktiven Weg.
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