Ärzte arbeiten riskanter als Ärztinnen

Wegen beruflicher Fehler geraten Mediziner zweieinhalb mal häufiger in ein Verfahren als ihre Kolleginnen. Nur: Sind Frauen vorsichtiger? Oder werden Männer härter angefasst?

, 17. August 2015, 05:30
image
  • ärzte
  • arbeitswelt
  • kunstfehler
Klagen und Rechtsverfahren werden zu einem stärker belastenden Thema bei Medizinern, in fast allen Industriestaaten steigen die entsprechenden Zahlen. In Grossbritannien etwa nahmen die Prozesse gegen Ärzte wegen echten oder vermeintlichen beruflichen Fehlern alleine seit 2010 um 64 Prozent zu. In den USA betrug das Wachstum laut einer älteren Erhebung zwischen 2008 und 2012 um 17 Prozent. 

Klar weniger Disziplinarverfahren

Um das Phänomen besser zu verstehen, ging eine Gruppe von englischen Ärztinnen nun der Geschlechter-Frage nach. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass es offenbar weniger standes- und aufsichtsrechtliche Disziplinarverfahren gegen Ärztinnen gibt: Dies besagte eine britische Studie aus dem Jahr 2013, bei der andere Erklärungsfaktoren – etwa Erfahrung oder Spezialisierung – herausgerechnet worden waren
Die Autorinnen der Medical School am University College London beziehungsweise am Royal College of Physicians unternahmen nun eine Meta-Analyse, bei der sie Studien aus mehreren Ländern zu Rate zogen: Hat man es hier mit einem angelsächsischen oder einem allgemeineren Problem zu tun? 

Emily Unwin, Katherine Woolf, Clare Wadlow et. al., «Sex differences in medico-legal action against doctors: a systematic review and meta-analysis», in: «BMC Medicine», August 2015.

In der systematic review wurden, basierend auf 32 Studien aus acht Ländern, über 40'000 solcher Streitigkeiten eingerechnet – standesrechtliche, aufsichtsrechtliche, zivilrechtliche, aber auch strafrechtliche Verfahren, in die Mediziner wegen beruflichen Mängeln verwickelt worden waren.
Das Ergebnis war sonnenklar: Eine fast vollständige Mehrheit der Erhebungen ergab, dass die untersuchten Männer häufiger in Konflikt mit Berufsorganen, Aufsichtsbehörden, Patienten oder schlicht mit dem Strafrecht kommen.

2,5 zu 1 – egal wo und wann

Rein statistisch ist die Gefahr solch eines Verfahrens für einen Mann knapp zweieinhalb mal so gross. Keine einzige Studie kam zum Schluss, dass sich Ärztinnen bei ihrer Arbeit eher rechtliche Probleme einhandelten.
Die Quote von etwa 2,5 zu 1 schien sich interessanterweise durch alle Erhebungsmethoden und alle Länder in etwa zu bestätigen. Und sie war auch über zahlreiche Jahre gültig (die frühesten Daten stammen aus den Achtzigerjahren). Schliesslich könnte sie auch über alle Fachgebiete hinweg in etwa zutreffen, wobei die Autorinnen in diesem Punkt allerdings lieber vorsichtig bleiben.
Was aber kann man daraus folgern? Dass Ärztinnen seriöser arbeiten? Oder dass das Umfeld schneller bereit ist, im Zweifelsfall gegen Ärzte vorzugehen? Das Team um Emily Unwin relativiert das:

  • Sichtbar wurde zum Beispiel eine Kongruenz zwischen den gearbeiteten Wochenstunden und dem Risiko eines Rechtsstreits – und Medizinerinnen arbeiten bekanntlich eher Teilzeit als Mediziner.

Mehr falsche Beschuldigungen

Denkbar auch, dass Männer eher kritisch angegangen werden, dass sie in riskanteren Bereichen tätig sind – oder auch exponierter sind. Ein Beispiel: Wie Daten aus England zeigen, sind auch die Klagen von Patientinnen gegen Ärzte wegen sexuellen Fehlverhaltens in den letzten Jahren deutlich angestiegen sind – plus 66 Prozent zwischen 2003 und 2013. Dabei aber blieb die Zahl der wirklich angesetzten Verfahren oder gar Verurteilungen ziemlich konstant. Was also zunahm, war die Zahl der unschuldig Beschuldigten.
Auf solche Interpretationen wollen sich die Londoner Medizinerinnen allerdings nicht herauslassen. «Es braucht detailliertere Informationen um die Gründe zu verstehen, weshalb männliche Doktoren eher ein medizinrechtliches Verfahren gewärtigen müssen. Die Gründe scheinen komplex und multifaktoriell. Aber der erste Schritt besteht darin, anzuerkennen, dass es solch einen Unterschied gibt. Und diese Studie zeigt dies zuverlässig.»
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Hirnverletzungen: Markus Fisch ist neuer CEO des Kompetenzzentrums

Das Ostschweizer Kompetenzzentrum für Menschen mit einer Körperbehinderung oder Hirnverletzung hat einen neuen Geschäftsführer und eine neue Präsidentin.

image

Arzt besorgt über die Schliessung des Notfalls in Martigny

Vincent Ribordy ist Co-Präsidenten der Schweizerischen Gesellschaft für Notfallmedizin. Er warnt: «Das ist erst der Anfang.»

image

Patienten fühlen sich wohler, wenn sich Ärzte kennen

Wie gut ein Hausarzt mit seinen Kollegen vernetzt ist, kann die wahrgenommene Qualität einer Behandlung beeinflussen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie.

image

Rega will trotzdem ins Wallis

War es ein abgekartetes Spiel? Die Rega ortet jedenfalls «grobe Mängel» beim Entscheid, dass sie im Wallis nicht retten darf.

image

Marco Stücheli wechselt vom BAG zum Spital Männedorf

Der 39-Jährige leitete bis Ende 2022 die Arbeitsgruppe Kommunikation Covid-19-Taskforce. Nun wird er Kommunikationschef in Männedorf.

image

Das ist der neue Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft

Der Hausarzt Tobias Burkhardt hat das Präsidium der AGZ von Josef Widler übernommen. Der neue Präsident will unter anderem den Ärztenachwuchs sichern.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.