Die gemeinnützige
Organisation Smarter Medicine setzt sich dafür ein, dass medizinische Massnahmen nur dann zur Anwendung kommen, wenn sie tatsächlich etwas bringen. Das tut sie, indem sie so genannte Top-5-Listen publiziert, die von medizinischen Fachgesellschaften oder Organisationen von Gesundheitsberufen erstellt werden.
1) Keine Wiederholung der zerebralen Bildgebung bei unverändertem Kopfschmerzphänotyp
Viele Patientinnen und Patienten wünschen bei chronischen Kopfschmerzen wiederholte Bildgebungen aus Sorge vor einer ernsten Ursache. Studien zeigen jedoch, dass eine erneute MRT bei unverändertem Kopfschmerz keine zusätzlichen diagnostisch relevanten Informationen liefert. Der beruhigende Effekt ist meist nur kurzfristig. Aus medizinischer und wirtschaftlicher Sicht ist eine Wiederholung daher nicht sinnvoll. Bei neu aufgetretenem oder verändertem Kopfschmerz sollte die Indikation individuell geprüft werden.
2) Keine Computertomografie des Schädels zur Diagnostik nicht akuter Kopfschmerzen
Eine Bildgebung ist nur dann sinnvoll, wenn Anamnese und Untersuchung keine klare Zuordnung zu primären Kopfschmerzen erlauben. Bei nicht akuten Kopfschmerzen zeigen CT und MRT meist unauffällige Befunde. Hinweise sprechen dafür, dass die MRT mehr intrakranielle Pathologien erkennt als die CT und keine ionisierende Strahlung verwendet. Deshalb ist die MRT der CT vorzuziehen. Insgesamt sollte die Indikation bei nicht akuten Kopfschmerzen sehr zurückhaltend gestellt werden.
3) Keine Zahnextraktion zur Behandlung eines anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerzes
Der anhaltende idiopathische Gesichtsschmerz ist täglich präsent, unscharf begrenzt und nicht auf ein peripheres Nervengebiet zurückzuführen. Auch bei gründlicher Diagnostik findet sich keine dentale Ursache. Trotz fehlender Evidenz werden häufig Zahnextraktionen durchgeführt. Für einen therapeutischen Nutzen gibt es jedoch keine Belege. Die Entfernung gesunder Zähne kann daher nicht empfohlen werden.
4) Keine Migränechirurgie
Die Migränechirurgie umfasst irreversible, destruierende Eingriffe an Muskeln, Nerven oder Gefäßen, basierend auf der umstrittenen Triggerpunkt-Hypothese. Zwar zeigen einzelne Studien scheinbar positive Effekte, diese Ergebnisse sind jedoch methodisch stark umstritten. Es gibt keine überzeugenden Belege, dass Triggerpunkte Migräneanfälle auslösen. Zudem wird die Qualität der vorliegenden Daten als unzureichend angesehen. Eine migränechirurgische Triggerpunkttherapie kann daher nicht empfohlen werden.
5) Keine Entfernung von Amalgamfüllungen zur Behandlung von Kopfschmerzen
Amalgamfüllungen enthalten Quecksilber, weshalb seit langem eine mögliche Toxizität diskutiert wird. Zwar können Kopfschmerzen bei chronischer Quecksilberbelastung auftreten, doch wird die Quecksilberkonzentration im Körper hauptsächlich durch Umweltfaktoren bestimmt. Bei Menschen mit Amalgamfüllungen werden in der Regel keine gesundheitsrelevanten Quecksilberspiegel gefunden. Ein Zusammenhang zwischen Amalgamfüllungen und Kopfschmerzen ist nicht belegt. Eine Entfernung der Füllungen zur Kopfschmerzbehandlung wird daher nicht empfohlen.