Wie wir im Gesundheitswesen eine Milliarde Franken sparen könnten

Die Schweiz hinkt hinterher: Da immer noch zuviele chirurgische Eingriffe stationär vollzogen werden, liegen grosse Sparchancen brach. Die Beratungsfirma PwC berechnete das Problem – und schlägt Lösungen vor.

, 3. August 2016, 14:00
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Anteil spitalambulanter Eingriffe an allen chirurgischen Eingriffen in Spitälern, internationaler Vergleich (OECD 2007 | Grafik PwC)
Eine Milliarde Franken lassen sich bis 2030 einsparen, indem die Medizin in der Schweiz stärker auf ambulante Behandlungen setzen wird (oder würde): Dies hat die Wirtschaftsberatungs-Firma PwC errechnet.
So machten die Berater zum Beispiel 13 Eingriffe fest, bei denen der Anteil der ambulanten Behandlungen noch deutlich vergrössert werden könnte und müsste – beispielsweise bei Leistenbruch, Krampfadern, Meniskusentfernung oder dem Grauen Star. Bei einem Verlagerungspotential von 70'000 Fällen ergäben sich hier Einsparungen von rund 251 Millionen Franken.

Man wollte schon, tut aber nicht

Hinzu kommen weitere Eingriffe, die heute üblicherweise nur kurzen Spitalaufenthalten unter zwei Tagen führen: Würde man es schaffen, hier 80 Prozent der Patienten ebenfalls ambulant zu behandeln, so liessen sich nochmals 581 Millionen Franken an Kosten aus dem Gesundheitssystem streichen. 
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Dreischritt: Einsparpotential durch Verlagerung von stationär zu ambulant (Quelle | Grafik: PwC)
Einen wichtigen Beitrag liefert ferner der medizinische Fortschritt, dem wir es in den nächsten Jahren verdanken werden, dass diverse Operationen keinen Spitalaufenthalt mehr verlangen. Hier sichten die die PwC-Experten um Patrick Schwendener und Philip Sommer ein Einsparpotential von 243 Millionen Franken.
Macht zusammen 1,075 Milliarden Franken, die bei einer verstärkten Verschiebung von stationär zu ambulant gestrichen werten könnten.
Nun ist es bekanntlich alles andere als ein neuer Ansatz zur Kostendämpfung – vielmehr ist es offizielle Politik im Bund, in den meisten Kantonen sowie in den Motivationsstrategien der Krankenkassen, dass die Patienten stärker ambulant behandelt und weniger auf die Bettenstation der Spitäler verlegt werden.

PwC Schweiz / Patrick Schwendener, Philip Sommer: «Ambulant vor stationär. Oder wie sich eine Milliarde Franken jährlich einsparen lassen», August 2016.

Bekannt ist aber auch, dass die Schweiz hier im internationalen Vergleich noch allerhand optimieren könnte – ja, dass sie den Spitzenreitern deutlich hinterherhinkt. PwC erklärt dies mit Fehlanreizen im helvetischen System: Das Tarifierung gewichtet (beziehungsweise belohnt) die stationäre Behandlung offenbar immer noch allzu sehr.

Alle müssten hinter dem Wandel stehen

Doch was liesse sich tun? Die Anreize seien so zu setzen, dass alle Akteure den Wandel unterstützen können, sagt Philip Sommer, Head Beratung Gesundheitswesen bei PwC Schweiz. Nur auf diese Weise sei eine Kostensenkung langfristig umsetzbar. Zur Lösung werden diverse Modelle vorgeschlagen:

  • Einführung von Tarmed-Pauschalen für Eingriffe mit ambulantem Potenzial: Die Vertragsparteien würden Pauschalen für Eingriffe mit ambulantem Potenzial festlegen.
  • SwissDRG-Pauschale ohne Übernachtung («Zero Night DRG»): Neben dem heutigen Kurzliegertarif für Spitäler wird zusätzlich ein Tarif ohne Übernachtung eingeführt, beispielsweise mit einem zusätzlichen Abschlags.
  • Ambulant vor stationär per Regulierung. Es wird per Verordnung vorgeschrieben, welche Eingriffe die Leistungserbringer ambulant durchzuführen haben. Nur im Ausnahmefall und mit Kostengutsprache könnte ein Spital einen Patienten mit den definierten Erkrankungen stationär aufnehmen.

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