Sind Ethik und alternative Fakten vereinbar – oder trumpiert sich der VEMS?

Das Swiss Medical Board trägt zur Klarheit in den Rationierungs- und Rationalisierungs-Debatten bei – seit Jahren und oft als einziges Gremium. Eine Replik von Peter Suter und Thomas Heiniger.

, 13. März 2017 um 05:00
image
Der Verein Ethik und Medizin Schweiz (VEMS) übt häufig Kritik am Swiss Medical Board, auf die wir jeweils eingehen, scheinbar ohne klärende Wirkung. Letzte Woche veröffentlichte der VEMS eine Stellungnahme über die künftige Rolle des SMB. 
Darin steht ein Satz, mit dem wir einig gehen: «Es braucht ein Gremium, das in der emotional aufgeladenen Debatte um Gesundheitskosten, Rationalisierung und Rationierung mit Fakten Klarheit schafft.»
image
Peter Suter, Thomas Heiniger
Peter Suter ist Präsident des Swiss Medical Board; der Intensivmediziner war in seiner Karriere unter anderem Chefarzt, Ordinarius und Dekan der medizinischen Fakultät in Genf.
Thomas Heiniger ist Vizepräsident des Swiss Medical Board. Als Regierungsrat des Kantons Zürich untersteht ihm die Gesundheitsdirektion, ferner ist er Präsident der Gesundheitsdirektoren-Konferenz.
Dazu versucht das SMB seit Jahren etwas beizutragen – bisher als einziges Gremium in der Schweiz. Sicherlich sind Methoden, Transparenz der Prozesse und die Berichte noch nicht ideal, und wir begrüssen Diskussionen, konstruktive Kritik und Verbesserungsvorschläge. Die 15 bisher veröffentlichten Berichte, betreffen alle mehr oder weniger kontroverse Bereiche. Sie haben die gewünschte, meist lebhafte öffentliche Diskussion ausgelöst und auch mehr Klarheit gebracht.

Persönliche Angriffe

Im Gegensatz zu anderen führt der VEMS die Debatte leider meistens «emotional aufgeladen», mit persönlichen Angriffen auf Experten und Drohungen. In der vorliegenden Stellungnahme präsentiert Flavian Kurth falsche Interpretationen als Tatsachen.
Dazu als Beispiel:
  • Zum ersten wird behauptet, die Entscheidungen betreffend Themenauswahl seien nicht transparent. Das stimmt nicht; wir verweisen gerne auf die Website des SMB, wo Ausschreibung und Auswahl beschrieben sind. Schade, dass sich der VEMS auf Kritik beschränkt und noch nie einen eigenen Vorschlag für ein interessantes Thema eingebracht hat.
  • Zum zweiten würden Fragen des VEMS an das SMB nicht adäquat beantwortet. Auf die zahlreichen Fragen wurde regelmässig je nach Zuständigkeit durch die Trägerschaft oder Experten eingegangen. Die im Kommentar ausführlich dargestellte Problematik der präventiven Statin-Therapie wurde von Spezialisten detailliert beantwortet.

(K)ein Interessenkonflikt?

Dass Herr Kurth mit den präsentierten Fakten nicht einverstanden ist, können wir nicht ändern. Wenn er nun dazu die Pharma-Industrie argumentarisch zu Hilfe ruft, muss sich der geneigte Leser schon fragen, wieso der VEMS und die Pharma die Verschreibung dieser Medikamente so massiv ausweiten möchten, obwohl der Nutzen dafür umstritten ist. (K)ein Interessenkonflikt?
  • Zum dritten wird die Auswahl und Rolle der beigezogenen Fachspezialisten kritisiert. Bei den kontroversen SMB-Themen besteht in der Fachwelt alles andere als Einigkeit. Die Fachleute werden uns von FMH und Ärztegesellschaften vorgeschlagen, unter Berücksichtigung von Interessenkonflikten. Das Vorgehen scheint dem VEMS nicht zu behagen, warum?
  • Zum vierten wird vorgeworfen, medizinische Fragen unter Ausschluss der Medizin anzugehen. Aber das Team zur Aufarbeitung der medizinischen Evidenz, das Experten-Komitee wie das wissenschaftliche Sekretariat des SMB bestehen mehrheitlich aus Medizinern mit wissenschaftlichen, praktisch-klinischen Erfahrungen und Kompetenzen. Das ist auf der Webseite des SMB transparent dargestellt.
Hat hier die VEMS einen blinden Fleck? So ist die Kritik leichter!

Es braucht Mittel – und Unabhängigkeit

Zusammenfassend begrüsst das SMB die Mitwirkung aller Partner für die Realisierung eines «Gremiums, das in der emotional aufgeladenen Debatte um Gesundheitskosten, Rationalisierung und Rationierung mit Fakten Klarheit schafft.» Dazu braucht es Mittel und Unabhängigkeit von Interessenkonflikten.
Der Aufwand lohnt sich jedoch, da dadurch unnötige und kostspielige Therapien, und somit Kosten und Komplikationen vermindert werden können.
Die zukünftige Zusammenarbeit zwischen SMB und dem im Aufbau stehenden HTA-Programm des BAG kann eine gute Grundlage für die richtige Entwicklung sein. Ziel muss bleiben, dem häufig verwundbaren Patienten und seinem Arzt in kontroversen Bereichen wissenschaftlich begründete, objektive Fakten zur Verfügung zu stellen, und damit oft schwierige Entscheidungen zu erleichtern.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Monsieur Prix mag das Réseau de l’Arc

Preisüberwacher Stefan Meierhans schlägt vor, dass die Politik viel stärker auf grosse Gesundheitsnetze mit festen Budgets setzt.

image

Keine Zulassungserleichterung für Orphan Drugs

Eine schnellere Zulassung für Arzneimittel bei seltenen Krankheiten hätte laut dem Bundesrat hohe Kostenfolgen.

image

Kinder- und Jugendpsychiatrie: Nun soll's der Bundesrat richten

Der Nationalrat verlangt, dass der Bundesrat in die Kompetenz der Kantone und der Tarifpartner eingreift.

image

Forschung muss Frauen und Alte mehr berücksichtigen

Der Bund regelt die Forschung an Menschen stärker. Künftig sollen mehr Frauen und Alte teilnehmen.

image
Gastbeitrag von Bettina Balmer, Fabian Kraxner und Belinda Nazan Walpoth

Und jetzt: Digitalisierung, Ambulantisierung, weniger Bürokratie

Die Kostenbremse-Initiative ist zurecht gescheitert. Sie bot kein konkretes Rezept, um die Gesundheitsausgaben zu bremsen.

image

Braucht es ein Bundesgesetz über die Gesundheit?

Ja, findet die Akademie der Medizinischen Wissenschaften – und formuliert gleich einen Vorschlag: So sähen ihre Paragraphen aus.

Vom gleichen Autor

image

Überarztung: Wer rückfordern will, braucht Beweise

Das Bundesgericht greift in die WZW-Ermittlungsverfahren ein: Ein Grundsatzurteil dürfte die gängigen Prozesse umkrempeln.

image

Kantone haben die Hausaufgaben gemacht - aber es fehlt an der Finanzierung

Palliative Care löst nicht alle Probleme im Gesundheitswesen: … Palliative Care kann jedoch ein Hebel sein.

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.