Drei Schritte gegen den Mediziner-Mangel

Drei prominente Schweizer Gesundheitsexperten legen neue Reformvorschläge vor. Denn die Schweiz müsste gar nicht so stark auf ausländische Ärzte angewiesen sein.

, 18. September 2015, 07:00
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Der Plan des Bundesrats, 100 Millionen Franken für weitere Medizin-Studienplätze aufzuwerfen, zeigt bereits positive Folgen: Seit das Projekt im Juni bekannt wurde, debattiert die Fachwelt intensiver darüber, ob die Anzahl der Studienplätze denn wirklich der Hauptgrund dafür ist, dass die Schweiz stetig neue Mediziner aus dem Ausland anlocken muss.
Bemerkt wurde zum Beispiel, dass das Problem auch beim Numerus-Clausus liege: Der Test filtere die falschen Leute aus – Leute zum Beispiel, die eher als Forscher denn als Allgemeinpraktiker taugen. Weshalb ein Mehr an Studienplätzen am Ende auch nicht viel bringe zur Verbesserung der Grundversorgung.

Es braucht zusätzliche Schritte

Oder festgestellt wurde, dass hohe Aussteiger-Quote eine unterschätzte Ursache sei: Wenn jeder fünfte Arzt irgendeinmal in seinem Berufsleben aus dem Gesundheitswesen aussteigt, so liegt auch hier ein Problem.
Heute nun kommen drei bekannte Experten und blasen in ein ähnliches Horn: Sie fordern, dass die Bemühungen um weitere Medizin-Studienplätze ergänzt werden durch eine Palette zusätzlicher Massnahmen.
Es sind dies Peter Suter, der ehemalige Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften; Peter Meier Abt, der aktuelle Präsident der SAMW; sowie der ehemalige BAG-Direktor Thomas Zeltner.
In einem Essai in der «Neuen Zürcher Zeitung» sichtet das Trio sichtet drei Kernprobleme.

Erstens: Falsche Verteilung von Manpower 

Erstens bestehe eine falsche Verteilung von Ärzten sowohl zwischen Spitälern, Spezialisten und Grundversorgern als auch zwischen städtischen und ländlicheren Gebieten.
Ein zu grosser Teil der Ärzteschaft arbeite im überdimensionierten Spitalbereich sowie in Spezialistenpraxen und Kliniken. Das Manko bestehe derweil in der ambulanten und stationären Grundversorgung, der Rehabilitation und der Langzeitpflege.
Kurz: Die überaus hohe Zahl der Akut-Spitäler in der Schweiz binde eben auch überaus hohe Ressourcen – was dann in anderen Bereichen spürbar ist. 

Zweitens: Zu gut ist auch nicht besser

Zweitens, so die drei Gesundheitsexperten, binde auch die Überversorgung in vielen Bereichen eine Menge an Ressourcen. Suter, Meier Abt und Zeltner erinnern daran, dass in der Schweiz eine Tendenz zu unnötigen Diagnose-Mitteln und Therapien bestehe: «Nirgends wird so viel operiert wie in der Schweiz, nirgends werden so viele künstliche Gelenke eingesetzt, mit Brasilien sind wir Spitzenreiter bei den Schönheitsoperationen.»

Peter Suter, Peter Meier Abt, Thomas Zeltner: «Reformen für eine gute medizinische Versorgung», in: «Neue Zürcher Zeitung», September 2015 (teils Paywall)

Entsprechend falsch seien folglich auch die Ärzte verteilt. Denn eine aufs medizinisch Notwendige fokussierte Versorgung würde zwangsläufig Personal freistellen – womit auch die Abhängigkeit von ausländischen Fachkräften gemildert würde. 

Drittens: Neue Aufgabenverteilung zwischen Arzt und Pflege

Beim dritten Punkt verweisen die drei Health Leaders auf Beispiele in den USA, in Skandinavien, den Niederlanden oder England. Dort sei eine effizientere Aufgabenteilung zwischen Ärzten und Pflegefachpersonen gängig; als «advanced practice nurses» oder «nurse practitioners» könne das Pflegepersonal dort weitere Kompetenzen eigenverantwortlich anwenden. 
Ein Vorschlag, den Suter, Meier Abt und Zeltner daraus ableiten: Die Zusammenarbeit der Fachpersonen, Ärzte, Pflegenden und anderen soll bereits in der Ausbildung mit gemeinsamen Kursen beginnen.
Insgesamt geht es Autoren also darum, all die Bemühungen um mehr medizinische Studienplätze zu ergänzen – etwa durch neue Berufsprofile im Pflegebereich oder eine Förderung der Grundversorgungsmedizin auf der Ausbildungsstufe.

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