Spitalgruppe hätte forschere Öffnung gewünscht

Der Bundesrat hat die Corona-Massnahmen etwas mehr gelockert als geplant. Mitverantwortlich dafür ist ausgerechnet die Privatklinikgruppe Hirslanden.

, 24. Februar 2021 um 16:34
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Es erstaunt nicht, dass der Schweizer Wirtschaftsverband Economiesuisse vom Bundesrat verlangte, dass er die Corona-Massnahmen schneller lockert, als er dies vor einer Woche angekündigt hatte. Erstaunlich aber ist, wer die Forderung mitunterzeichnet hat: Die Hirslanden-Kliniken.

Gesundheitspersonal forderte das Gegenteil

«Wir wurden von Economiesuisse angefragt», sagt Hirslanden-Sprecher Frank Nehlig gegenüber Medinside. Trotzdem mutet dieser Einsatz zugunsten einer schnelleren Lockerung seltsam an. Denn gestern forderten die Berufsverbände und Gewerkschaften des Gesundheitspersonals genau das Gegenteil: «Die Gesundheit der Bevölkerung darf nicht gefährdet werden, indem die Schutzmassnahmen vorschnell aufgehoben werden.» Medinside berichtete hier darüber.
Konkret fürchtet das Gesundheitspersonal eine dritte Welle. Ausserdem sei das Gesundheitspersonal psychisch und physisch erschöpft wie nie zuvor. Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, ist deshalb erstaunt über die Haltung der Hirslanden-Kliniken. «Das Gesundheitspersonal kann jetzt nicht mit offenen Augen in eine dritte Welle geschickt werden», sagt sie gegenüber Medinside.

Hirslanden verlässt sich aufs Impfen und Massentests

Hirslanden-Sprecher Nehlig kontert: «Je mehr Menschen gegen das Virus immun sind, desto mehr Freiheiten können und sollen wieder gewährt werden. Dieses kontrollierte, gestaffelte Vorgehen unterstützen wir.» Hirslanden erwartet auch positive Auswirkungen von wiederholten Massentests, wie sie in Graubünden gemacht werden.
Zumindest teilweise hat der Bundesrat heute die Forderungen von Economiesuisse – und damit auch von Hirslanden – erhört. So hat die Regierung den Zeitpunkt des zweiten Öffnungsschrittes auf 22. März vorverlegt. Nicht nachgekommen ist der Bundesrat jedoch der Forderung, wonach die Restaurantterrassen bereits ab nächster Woche wieder hätten öffnen dürfen.

«Eine machbare Perspektive für die Schweiz aufzeigen»

Doch was ist eigentlich der Nutzen für Hirslanden, wenn die Massnahmen schneller gelockert werden? «Hirslanden fühlt sich in der Pflicht, eine machbare Perspektive für die Schweiz aufzuzeigen», begründet Frank Nehlig. Und zwar vor allem deshalb, weil nun zunehmend die Impfung neben dem Testen und Rückverfolgen zur Verfügung stehe. Ausserdem würden sich die Spitaleintritte auf tieferem Niveau stabilisieren.
Auf die Frage, ob die Hirslanden-Kliniken derzeit zu wenig ausgelastet seien, will Frank Nehlig keine konkreten Zahlen nennen, sagt aber:  «Grundsätzlich bewegt sich die Auslastung auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr, auch wenn wir natürlich deutlich mehr Covid-Patienten behandeln.»

Hirslanden hat sich neu aufs Impfen verlegt

Hirslanden hat zudem ein neues Betätigungsfeld gefunden: Die Klinik-Gruppe betreibt vier Impfzentren: Zwei davon im Thurgau, nämlich in Frauenfeld und auf dem Impfschiff; eines in Zug zusammen mit dem Kantonsspital und eines in Genf an der Hirslanden-Klinik des Grangettes. Zudem sind weitere Zentren in Planung. Auch in Zürich hat Hirslanden den Auftrag, in der Messe ein Impfzentrum aufzubauen. Dieses soll noch im März mit einer Testphase eröffnet werden. Derzeit sucht Hirslanden dafür medizinisches und administratives Personal.

So ausgelastet sind derzeit die Intensivstationen

Gemäss den neusten Zahlen des Bundes sind die Intensivstationen der Schweizer Spitäler derzeit zu 65 Prozent ausgelastet. Allerdings sind nur rund 200 der 1000 Intensiv-Betten mit Covid-19-Patienten belegt. Rund 440 Intensivplätze werden von anderen Patienten gebraucht.
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