«Die Mehrfachrolle der Kantone muss endlich geknackt werden»

Der ehemalige Krankenkassen-Manager findet es bedenklich, dass ausgerechnet in der Schweiz die Gewaltenteilung im Gesundheitswesen nicht gelebt wird.

, 12. Juli 2023 um 04:08
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Otto Bitterli, bis Ende Januar 2019 CEO der Sanitas, glaubt nicht, dass sich mit all den von Krankenkassen entwickelten Apps das Kundenvertrauen steigern lässt. | cch
Herr Bitterli, Sie schreiben auf helveticcare.ch, Bundesrat Alain Berset sei nicht alleine schuld an den steigenden Krankenkassenprämien. Das ist nun wirklich keine neue Erkenntnis. Meine Erfahrung ist, dass sehr viele Leute die Zusammenhänge nicht kennen. Sie wissen nicht, dass der grösste Teil der Kosten in den Kantonen entstehen. Wir haben einen Artikel übers Gesundheitswesen geschrieben und mit dem Bild von Alain Berset illustriert. Unglaublich, was da auf Social Media abging und wie Herr Berset beleidigt wurde. Das hat mich dazu motiviert, gewisse Dinge klarzustellen und zu erklären, dass Alain Berset nicht die alleinige Schuld trifft.
Alain Berset hat den Krankenversicherern verboten, ihre Prämienentwicklung zu kommunizieren. Damit erweckt er den Eindruck, für die Prämienerhöhungen verantwortlich zu sein. Ich habe nie behauptet, Bundesrat Berset treffe überhaupt keine Schuld. Die ganze Gesetzgebung, die Aufgaben, die beim Bund anfallen und sich langfristig auswirken, sind im Einflussbereich des Gesundheitsministers. Aber den Bundesrat für die kurzfristige Prämienentwicklung verantwortlich zu machen, ist falsch. Wie gesagt: Der grösste Teil der Kosten entstehen in den Kantonen. Andere treffen deshalb eine grössere Schuld.
Sie denken wohl an die Gesundheitsdirektoren. Wie kann man die Infrastruktur in den Kantonen, insbesondere die Spitäler, den Bedürfnissen der Bevölkerung anpassen? Das grosse Thema heisst heute ambulant statt stationär. Wenn aber medizinische Leistungen mehr und mehr ambulant durchgeführt werden, wie kann es sein, dass wir weiterhin gleich viele Spitäler haben? Das ist eine Aufgabe, die bei den Kantonen liegt: Sie sind Eigentümer, Planer, Mitfinanzierer und erst noch Rekursinstanz. Es muss uns endlich gelingen, die Mehrfachrolle der Kantone zu knacken....
Moment: Seit 25 Jahren verfolge ich das Gesundheitswesen. Seit 25 Jahren gilt die Mehrfachrolle der Kantone als Problem Nummer eins. Ist etwas passiert? Es wäre mir entgangen. Sie haben recht. Es ist nichts passiert. Und ich kenne diese Diskussionen auch seit jeher. Ich finde es bedenklich, dass in einem Land, in dem die Gewaltenteilung nicht nur in der Verfassung steht, sondern auch wirklich gelebt wird, dass ausgerechnet in diesem Land die Gewaltenteilung im Gesundheitswesen nicht vollumfänglich gelebt wird.
Otto Bitterli, Jahrgang 1962, war 14 Jahre CEO des Krankenversicherers Sanitas. Heute hat er diverse VR-Mandate inne. Unter anderem ist er Verwaltungsratspräsident von helveticcare.ch, einer Onlineplattform mit Themen zum selbstbestimmten Leben im Alter.
Der Gesundheitsökonom Willy Oggier sagte in einem Interview, er habe die Illusion in die Politik verloren. (seufzt) Persönlich muss ich leider zugeben, dass ich auch desillusioniert bin. Man hat so viel gesehen und wird am Schluss wiederholt enttäuscht. Aber es ist immer auch wichtig, dass eine neue Generation auftritt, die nicht so desillusioniert ist, nur weil sie schon zwanzigmal enttäuscht wurde. Die Jungen müssen die Zukunft gestalten. Ich halte mich zurück. Ich möchte mit meiner persönlichen Desillusion nicht andere anstecken.
Man könnte auch sagen, nicht die Gesundheitsdirektoren seien schuld, sondern das Volk. Wann immer eine Abstimmung über Spitalschliessungen oder anderen Einsparungen ansteht, so sagt das Volk Nein. Das ist sicher auch ein Problem. Aber Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sind sich häufig nicht bewusst, was ihr Nein an der Urne auf der Kostenseite bedeutet und dass ihnen später die Rechnung präsentiert wird. Wir haben in den Spitälern der Schweiz ein Investitionsvolumen von etwa 14 Milliarden Franken ausstehend. Übermorgen wird sich das in den Prämien und Steuern niederschlagen.
Wobei die Prämienzahlenden besser wegkommen als Steuerzahlende, wenn sie an alten Strukturen festhalten und Sparvorlagen ablehnen. Es trifft überproportional die Steuerzahlenden. Das ist ein Grundproblem: Wir müssen uns irgendwann aus dieser Gefangenschaft befreien können. Bei all den politischen Diskussionen geht es stets nur um die Frage, ob Prämien- oder Steuerzahler profitieren.
A propos Willy Oggier: Er sprach von einem politischen Trauerspiel, dass der Tardoc noch nicht genehmigt wurde. Regisseur sei Alain Berset und mindestens drei seiner Bundesratskollegen. Ja, das ist sicher auch ein Trauerspiel. Aber auch hier trägt Alain Berset nicht die alleinige Schuld. Wir haben zwei Krankenversicherungsverbände, die sich in aller Öffentlichkeit bekämpft und an ihren Standpunkten festgehalten haben. Auch die Spitäler sagten einmal dies und dann wieder das.
Würden Sie es nicht begrüssen, wenn der Tardoc endlich eingeführt würde? Grundsätzlich - ja, man muss die Aktualität besser abbilden. Aber: Egal, welche Tarifverträge wir haben: Sie lösen die grundsätzlichen Probleme nicht. Die starren Strukturen der Tarifpositionen führen zu Bestandeserhaltungen und nicht zu Strukturanpassungen. Deshalb bin ich skeptisch, dass starre Vertragssituationen gerade in der heutigen schnelllebigen digitalen Zeit das Richtige sind.
Krankenkassen scheinen ein neues Betriebsfeld gefunden zu haben. Gefühlt jeden zweiten Tag verkündet ein Krankenversicherer ein neues App oder erteilt sonst medizinische Ratschläge. Was sagen Sie als ehemaliger Sanitas-Chef dazu? Bei der Analyse der Ergebnisse der Krankenversicherer fürs Jahr 2022 haben wir keine Positionen gesehen, aus denen hervorgeht, was all diese Bemühungen kosten. Wir haben keine Position «Umsatz infolge App» gefunden oder ähnliches. Dieser Aufwand wird also in die Verwaltungskosten fliessen. Ich glaube nicht, dass sich damit langfristig das Kundenvertrauen steigern lässt.
Entspricht es nicht dem politischen Willen, dass Krankenkassen in die Prävention investieren? Die Prävention ist ein spezifisches Feld der unzähligen App-Entwicklungen. Die Frage ist vielmehr: Wer gibt am Schluss die Apps heraus? Brauchen wir so viele Apps? Wenn jeder Versicherer für jede Diagnose ein eigenes App entwickelt, kann das sicher nicht die Lösung sein. Am Ende muss sich doch ein Standard durchsetzen.
Könnte man die Apps nicht als Wettbewerbsfaktor sehen? Ich zweifle daran. Es könnte natürlich sein, dass die Jungen eher auf solche Apps bauen. Aber ob das die grosse Differenzierung ist? Wenn Sie schauen, was da alles bereits entwickelt wurde und auf den Markt gekommen ist, dann gibt es thematisch kaum mehr Differenziertungsmöglichkeiten. Irgendwann muss sich das konsolidieren.
Dafür fehlt den Krankenversicherern die Innovationskraft in ihrem Kerngeschäft. Sie halten an ihren herkömmlichen Spitalversicherungen fest, obschon diese aus bekannten Gründen kaum einen Mehrwert bieten. Was sagen Sie dazu? Das ist ein ganz grosses Thema. Da muss sich die Industrie neu erfinden. Der private Teil ist ja unternehmerisch der attraktivere. Im Segment, wo sie Gewinne machen dürfen, sollten sie auch Innovationen entwickeln. Das ist eine der grossen Herausforderungen. Ich bin überzeugt, dass das Thema Vorsorge und private Krankenversicherung ineinander hineinwachsen wird.
Wie soll das gehen? Eine Rentenversicherung kombiniert mit einer Halbprivatversicherung? Eine Variante wäre: Man schliesst eine Lebensversicherung mit periodischen Prämien oder Einmalprämie ab. Und mit 60 kann man das Geld beziehen oder die Police ohne Gesundheitscheck in eine private Spitalzusatzversicherung umwandeln.
Vor ziemlich genau zehn Jahren hat Helsana mit Primeo ein Zusatzversicherungsprodukt für ambulante Leistungen lanciert. Es ist nie flügge geworden. Primeo ist an sich ein gutes Produkt. Das Problem liegt im Tarifschutz des KVG (Krankenversicherungsgesetz). Dieser Tarifschutz kommt einem Verbot von Zusatzversicherungen im ambulanten Teil gleich. Würde dieser Tarifschutz wegfallen, würde die Verlagerung stationär zu ambulant schneller vonstatten gehen. Das würde automatisch neue Versicherungsmodelle nach sich ziehen.
  • otto bitterli
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