«Die Zeit läuft uns davon»

Wo steht die integrierte Versorgung mit den Eckpfeilern Digitalisierung und EPD heute? Die Antwort fiel an der diesjährigen Health-Konferenz vom Finanz und Wirtschaft (FUW) Forum nüchtern aus.

, 8. September 2023 um 08:42
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Markus Reck, Andrea Rytz, Moderator Matias Braun, Natalie Rickli und Katharina Prelicz-Huber an der Podiumsdiskussion der FUW-Health-Konferenz. | zvg
An der Health-Konferenz 2.023 des Veranstalters Finanz und Wirtschaft Forum (FUW) im Gottlieb Duttwiler Institut stand unter anderem die integrierte Versorgung mit den Eckpfeilern Digitalisierung und Elektronisches Patientendossier EPD im Fokus. Die Frage danach, was sich in den letzten Jahren in diesen Bereichen getan hat, fiel allerdings ernüchternd aus.

Zu langsames Vorwärtskommen

«2015 war ich an der Lancierung von E-Health. Heute, acht Jahre später, könnte man die Veranstaltung mit dem gleichen Inhalt eins zu eins nochmals durchführen», sagt Spitex Zürich CEO Markus Reck gleich zum Auftakt des Forums und brachte damit auf den Punkt, was alle beschäftigt: Die Schritte hin zu einer integrierten Versorgung mit einem digitalisierten Gesundheitswesen und einem funktionierenden EPD sind bislang klein. Dabei sei es fünf vor zwölf und die Zeit laufe davon, wie Reck betonte. «Die Babyboomer kommen und spätestens 2035 werden wir ein Problem haben. Das müssen wir heute angehen»!

Silodenken – ein Grund für die Verzögerung

Dass die Bereitschaft bei den Akteuren aus dem Gesundheitswesen und der Politik vorhanden ist, zeigen unzählige Projekte, die lanciert werden und in eine richtige Richtung gehen. Zugleich seien diese einzelnen «Silos» genau eines der Probleme, die das Schweizer Gesundheitswesen am Vorwärtskommen hindere, sagte Natalie Rickli, Gesundheitsdirektorin des Kantons Zürich.
Laut Rickli muss dringend eine «Gesamtschau» vorgenommen und eine Einheit geschaffen werden, anstelle, dass an einzelnen Reformen und Projekten herumgebastelt wird. «Wir haben hier die integrierte Versorgung, dort das EPD und die Kostendämpfung eins, zwei und drei – mit dem Ergebnis, dass kaum jemand draus kommt und die Bürokratie für alle zunimmt», so Rickli.

Miteinander der Leistungserbringer

Gefragt sei deshalb ein «big picture», in welchem die einzelnen Projekte zusammengefügt und die integrierte Versorgung vorangetrieben wird. «Wir sollten den Mut haben etwas grösser zu denken. Damit würden wir auch grössere Schritte machen», ist Andrea Rytz, CEO der Schulthess Klinik überzeugt. Dabei seien schon viele gute Projekte vorhanden, die man nun verbinden müsse. «Und dazu ist vorallem das ehrliche Miteinander von übergreifenden Leistungserbringern gefragt», so Rytz.

Kaum Zeitersparnis für Personal

Grössere Schritte und damit grössere Projekte, bedeuten allerdings auch, dass das Personal zusätzlich beansprucht wird. Eine zunehmende Digitalisierung etwa sei nicht unbedingt mit Zeitersparnis gleichzusetzen gibt die Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber zu bedenken. «Warum steigen monatlich 200 Pflegende aus dem Beruf aus? Hauptgrund ist die zunehmende Administration – verursacht auch durch die Digitalisierung», so Prelicz-Huber. Zuviele Daten, die erfasst werden müssten, zu viele technische Probleme – bis es zu einer Erleichterung komme, brauche es deshalb noch viel.

Anreize auf Kantons- und Bundesebene

Wie aber könnten nun Anreize geschaffen werden, um die integrierte Versorgung zu beschleunigen? Dazu Spitex Zürich CEO Markus Reck: «Wenn wir einzelne Projekte in der integrierten Versorgung fördern möchten, haben wir immer dasselbe Problem: Wir als Leistungserbringer müssen Personal zur Verfügung stellen.»
Es brauche deshalb finanzielle Anreize, die ein Projekt während eines festgesetzten Zeitraums, mit einer klaren Zielsetzung unterstützen. Eine solche Anschubfinanzierung bereitszustellen, könnte durchaus die Rolle des Kantons innerhalb der integrierten Versorgung sein, merkt dazu Natalie Rickli an. Allerdings: An was es derzeit fehle, sei mehr Koordination und Organisation. «Diese ist bislang nicht finanziert, weshalb hier der Bund gefragt ist.» Was es wiederum nicht brauche, seien weitere Regulierungen und Vorschrifen des Bundes.

Einheitliches EPD für die gesamte Schweiz

Zum Schluss die leidige Frage zum EPD. Hier sei nun der Effort aller Leistungserbringer gefragt, zugleich es ein einheitliches System für die gesamte Schweiz brauche. «Auch wenn ich ein Fan des Förderalismus bin, braucht es jetzt ein 'one EPD', das national vom Bund kommt», betont Rickli. Ansonsten würden die Chancen gut stehen, dass man auch in fünf Jahren nicht weiter ist.
Interessenbindung: Zwischen dem Health Forum und Medinside besteht eine Medienpartnerschaft.

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