Warum nicht eine Gesundheitssteuer?

Gedanken zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen und zur Linderung deren Folgen. Ein Gastbeitrag von Andreas Herren, Facharzt für Plastische- und Handchirurgie.

, 9. Februar 2018, 07:00
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Als chirurgisch tätiger Arzt werde ich mit der Problematik der Kosten im Gesundheitswesen laufend konfrontiert. Ich bin zwar kein Ökonom, habe aber grosse Erfahrung sowohl im staatlichen als auch im privaten Gesundheitswesen. Ich bin «Insider».

…Nicht immer wir Ärzte, nicht immer die Chirurgen…

Seit der Einführung des KVG’s sind die Tarife vor allem bei uns Chirurgen um sicher 40 Prozent gesunken. Bei den Chirurgen und zum Beispiel auch bei den Radiologen kann man immer etwas «abschneiden». Bis jetzt geht es uns noch gut. Natürlich sollen wir nicht auf dem Bundesplatz demonstrieren und uns lächerlich machen. 
Trotzdem: In welchem Berufsbereich wird das Einkommen stetig gekürzt? Unsere Betriebskosten steigen ständig, unsere Investitionen sind hoch, unsere Ausbildung ist sehr lang. Wir Ärzte empfinden die Kürzungen als Strafe. Wir werden abgestraft! In der Sonntagspresse am Wochenende kann man regelmässig meist dümmliche Reportagen über meinen Berufsstand lesen. Dies erinnert mich an einen stellvertretenden Klassenkampf. Dies führt bei mir und meinen Kollegen zu Frust und Aggressionen. Diese leidige Entwicklung wird kaum zu einer Kostendämpfung führen.

Was belastet eigentlich den Bürger?

Der Bürger stört sich am wenigsten am Fortschritt und an den steigenden Kosten im Gesundheitswesen, sicher nicht an den Therapeuten und den angeblich zu teuren Ärzten oder den Spitälern. Nein, ihn stört die Kassenprämie, die stetig steigt. Könnte da nicht eine Gesundheitssteuer Abhilfe schaffen? 
Ähnlich einer Mehrwertsteuer wird eine Gesundheitssteuer für alle medizinischen Leistungen und Bewegungen erhoben. Praktizierende Ärzte, aber auch die IT, die Pharmaindustrie, die Haftpflicht, Juristen, einfach alle, die vom Gesundheitswesen profitieren, werden mit einem bestimmten Prozentsatz besteuert. Der erhaltene Geldbetrag soll möglichst direkt dem Prämienzahler zugutekommen. Unter Umständen wäre da der Einsatz einer Einheitskasse im Grundversicherungsbereich wieder aktuell. 
Es handelt sich bei der Einführung einer Gesundheitssteuer nicht um eine Sparmassnahme. Es handelt sich lediglich um eine Umverteilung. Durch eine solche Steuer werden die Kosten natürlich nicht gebremst, die gewünschte Dynamik im Gesundheitswesen bleibt aber intakt. Die Steuer soll lediglich den Prämienzahler entlasten. Eine solche Steuer ist gerecht, zumindest gerechter, als die schrittweise Beschneidung eines einzelnen Berufsstandes. 
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    Andreas Herren

    Der Stadtberner Andreas Herren ist Facharzt Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie und Facharzt für Handchirurgie in der Berit Paracelsus-Klinik im Sanktgallischen Speicher, die von der Orthophädie Rosenberg belegt wird, sowie in der Hirslanden-Klinik Permanence im Westen von Bern.

Wer will verdienen? Wer will sparen?

Der Patient  will eine schnelle und maximale Versorgung. Er wird zum Kunden, welcher seine hohen Ansprüche in Anbetracht der immer steigernden Prämien gerechtfertigt sieht.
Der Arzt ist verpflichtet, dem Patienten nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen. Seine Bemühungen wollen entlöhnt sein. Die Kosten steigen.
Die Spitäler stehen in einem Wettbewerb, müssen sich selber finanzieren und arbeiten deshalb gewinnorientiert. Das hat seinen Preis. 
Die Krankenkassen hat sich von einer sozialen Einrichtung zu einem aggressivem Mitbewerber entwickelt. Das erfordert ein teures Marketing. 
Die Industrie ist am Fortschritt der Medizin beteiligt. Nebst der dominierenden Pharmaindustrie bemühen sich die ganze IT und Computertechnologie, die Schwerindustrie und sogar die Textilindustrie, sich im Gesundheitswesen zu profilieren und zu profitieren. Die Industrie macht Druck auf die Ärzte,  ihre Produkte anzuwenden und zu verkaufen.
Die Medien werden zunehmend zum Podium der Industrie, der Kliniken und auch der Ärzte. Ihre Sendungen propagieren neue Techniken und Verfahren. Sie verunsichern mehr und wecken das Bedürfnis, solche Therapien auch zu konsumieren. 
Patientenschützer und Haftpflichtjuristen sitzen den Ärzten im Nacken. Die Angst einer Unterlassung führt zu Mehrfachuntersuchungen, Doppelspurigkeiten und zur Überverarztung.
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