Geburtshäuser und Unispitäler im gleichen Topf

Unispitäler wollen nicht mit Regionalspitälern verglichen werden. Die Gegenseite sagt: Unterschiede sollten über die Tarifstruktur und nicht über den Preis abgebildet werden.

, 29. Mai 2022, 19:38
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«Um einen gerechten Vergleich zu machen, müssen Unispitäler untereinander verglichen werden und nicht mit Geburtshäusern und Regionalspitälern.» Das sagte Philippe Eckert, Directeur Général du Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV), an einer gemeinsamen Medienkonferenz der fünf Unispitäler der Schweiz. An der gleichen Veranstaltung von Mitte Mai sagte Uwe E. Jocham, der Chef des Inselspitals, er finde es «fast unerträglich», dass die Baserate-Verträge auf Ende Jahr gekündigt wurden.
Wie Ende März hier berichtet, fordern die zur Einkaufsgemeinschaft HSK zusammengeschlossenen Krankenversicherer Helsana, Sanitas und KPT «ultimativ eine Tarifsenkung für stationäre Behandlungen.» 
Nicht nur der Insel Gruppe - den Unispitälern insgesamt weht ein rauer Wind entgegen. Es soll für alle Spitäler nur noch eine Benchmark geben. Die entsprechende Verordnung ist unterwegs. 

Komplexe Fälle sind teurer

Im Kern geht es um die Frage, ob es gerechtfertigt ist, dass Universitätskliniken Anspruch auf eine höhere Basisrate haben. Zwar ist es unbestritten, dass hochspezialisierte Kliniken zur Behandlung komplexer Fälle einen grösseren Aufwand betreiben müssen. Nur sollten die Unterschiede in der Tarifstruktur abgebildet werden und nicht über den Preis, heisst es vonseiten der Krankenversicherer. 
Das ist auch die Meinung des Bundesrats. Am 18. November 2020 schrieb er in seiner Stellungnahme zu einer Interpellation von SVP-Ständerat Werner Salzmann, die Abbildungsgenauigkeit der in der Akutsomatik anwendbaren Tarifstruktur SwissDRG verbessere sich stetig. Das ermögliche nationale Effizienzvergleiche unter den Spitälern. (Mehr zur Interpellation Salzmann siehe unten.)

Hochspezialisierte Kliniken müssen anders behandelt werden

«Schön wärs», sagt dazu Stefan Metzger, Leiter Leistungsmanagement beim Schweizer Paraplegiker Zentrum in Nottwil (SPZ): Die von den Versicherungen viel propagierte Geschichte, dass die Tarifstruktur die Schweregrade adäquat abbildet, wäre zwar schön zu glauben. «An Universitätskliniken oder eben auch bei uns trifft dies aber nicht zu.» Deshalb stelle sich das SPZ auf den Standpunkt, dass sämtliche hochspezialisierten Kliniken respektive Kliniken mit einem Endversorgerstatus anders als normale Kliniken behandelt werden sollten.
Das sieht auch Werner Kübler so: «Es hat sich gezeigt, dass es im DRG-System nicht möglich ist, die komplexen Leistungen der Unispitäler kostendeckend abzubilden», sagt der Direktor des Universitätsspitals Basel (USB). Deshalb habe es sich im schweizerischen System bewährt, mit zwei verschiedenen Systemen und zwei verschiedenen Benchmarks zu arbeiten. «Es gibt keinen vernünftigen Grund, in der Verordnung das zu ändern.»

«Die Frage ist falsch gestellt»

Diesmal anders gefragt: Weshalb soll ein Universitätsspital für eine konventionelle Hüftoperation mehr Geld erhalten als ein herkömmliches Listenspital?
«Die Frage ist falsch gestellt», erwidert Gesundheitsexperte Felix Schneuwly. «Die Frage müsste heissen: Warum führt ein Universitätsspital routinemässige Hüftoperationen durch?»
Werner Kübler versichert, dass das USB tendenziell die teureren Fälle operiert, etwa bei multimorbiden Patienten. Er weist aber auch darauf hin, dass Universitätsspitäler in der Weiterbildung überproportional engagiert seien. «Da muss man auch einmal einen einfachen Fall operieren können.»

Kostendruck von allen Seiten

Man kann von der Senkung der Baserate für Unispitäler halten, was man will. Tatsache ist, dass sie zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt erfolgt. Denn die Spitäler haben noch an zwei anderen Fronten gegen Preisdämpfungsmassnahmen zu kämpfen. 
Da sind erstens die Spitalkostenzusatzversicherungen, deren Tarife generell als zu hoch und zumindest laut dem Preisüberwacher als «missbräuchlich» taxiert werden. Und da die Verträge künftig die Kosten transparent machen müssen, ist mit tieferen Tarifen zu rechnen.
Zweitens ist auch der neue Tardoc den Spitälern nicht wohlgesinnt, sollte er überhaupt jemals in Kraft treten. Eine Senkung der Basisrate wäre ohne Qualitätsverlust kaum zu verkraften. 
In der Ständeratsdebatte vom Dezember 2020 zur genannten Interpellation Salzmann sagte Martin Schmid, Bündner FDP-Ständerat und Präsident des Kantonsspitals Graubünden: «Jeder weiss, der ein Spital führt, dass 62 bis 65 Prozent aller Kosten Personalkosten sind. Wenn wir also in diesem Bereich beginnen, die Kosten in den Fokus zu nehmen, dann hat dies unmittelbare Auswirkungen auf das Personal.»
Ständerat Schmid sagte das im Dezember 2020, noch vor der Abstimmung zur Pflegeinitiative.

Die Interpellation Salzmann

Das Problem mit der einheitlichen Benchmark schwelt schon länger. Im Herbst 2020 reichte der Berner SVP-Ständerat Werner Salzmann eine Interpellation zu diesem Thema ein. Er wollte vom Bundesrat wissen, wie der speziellen Position der Unispitäler in der laufenden Revision der Krankenversicherungsverordnung (KVV) Rechnung getragen würde.
Für Salzmann stellt die geplante Einführung eines schweizweiten Kostenvergleichs über alle Spitäler - vom Geburtshaus bis zum Universitätsspital - für die universitäre Medizin eine Bedrohung dar. Aufgrund der komplexen Patientenfälle liessen sich die Universitätsspitäler nicht direkt vergleichen mit Spitälern, die sich auf standardisierte Eingriffe an Patienten ohne Komplikationspotenzial konzentrieren, schrieb er in seiner Interpellation.
In seiner Stellungnahme vom 18. November 2020 versichert der Bundesrat, der Position der Universitätsspitäler Rechnung zu tragen. Doch die Spitäler, welche ihre Leistungen gestützt auf schweizweit einheitliche Tarifstrukturen vergütet erhalten, sollen sich auch einem schweizweiten Effizienzvergleich unterziehen.
Wo stehen wir in diesem Prozess? «Der Bundesrat hat mit der vorläufigen Sistierung seiner Vorlage nach der durchgeführten Vernehmlassung signalisiert, mögliche Anpassungen am Projekt im konstruktiven Austausch mit den Stakeholdern vertieft zu prüfen», heisst es beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Der Austausch sei im Gang. «Dieser Prozess beansprucht Zeit, weshalb eine Verschiebung des Geschäfts nötig war.»
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