Streit im OP: Männer rivalisieren, Frauen kooperieren

Wer zettelt während einer Operation Streit an? US-Wissenschaftler gingen auf Ursachenforschung: Eine Rolle spielt die Hierarchie, das Geschlecht und die Dauer des Eingriffs.

, 25. Juli 2018, 08:07
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Dass während einer OP die Fetzen fliegen, kommt ja so gut wie nie vor. Eine Ausnahme bildet der vor kurzem publik gewordene Fall aus Frankreich: Dort hatten sich Ärzte während einer Operation geprügelt. Auch Medien berichten gelegentlich von Zwischenfällen, bei denen etwa Operationsbesteck durch den Saal geworfen wird. 
Doch kooperatives Verhalten während Eingriffen ist natürlich weitaus häufiger als Streit im OP-Saal. Dies belegt jetzt auch eine aktuelle Studie, durchgeführt von Psychologen und Anthropologen der Emory Universität in Atlanta. Demnach kam es nur in einem Bruchteil der mehr als 6'300 untersuchten Interaktionen zu Konflikten. 

Von oben nach unten auf der Hierarchie

Die Forscher um Co-Studienautorin Laura K. Jones untersuchten während 200 Operationen die spontane soziale Kommunikation unter Chirurgen, Anästhesisten und OP-Personal: Allgemeinchirurgie, Neuro, Herz-Thorax sowie Gefäss- und Orthopädie. Die Studie wurde von 2014 bis 2016 in drei verschiedenen Spitälern durchgeführt. Untersuchungsobjekt waren gemischtgeschlechtliche Teams mit insgesamt rund 400 Personen.
Die meisten Unstimmigkeiten waren dabei harmlos: etwa ruppige Antworten oder verbale Unterbrechungen. Diese gingen in vier von fünf Fällen von oben nach unten auf der Hierarchie-Treppe. Anders ausgedrückt: Konflikte während Eingriffen entstanden meist zwischen Personen unterschiedlicher Rangordnung – in zwei Drittel vom behandelnden Chirurgen ausgehend. 

Es wird geflirtet – und getanzt

Auch die Zusammensetzung der Geschlechter in OP-Teams beeinflusste die Balance zwischen Konflikt und Kooperation. In der Studie zeichnen sich vertraute Muster ab: Reibereien fanden eher zwischen gleichgeschlechtlichen Kollegen als zwischen Männern und Frauen statt. 
Die Forscher konnten in ihrer Analyse «alle Arten sozialer Interaktion» beobachten: neben Gesprächen über technische Aspekte der Operation eben auch Beleidigungen, Flirtversuche, kurze Ausbildungssequenzen und Lästereien. Notiert wurden aber ebenso Höflichkeiten und sogar Tanzeinlagen, weil im OP-Saal ja häufig Musik läuft.

Frauen sorgen für Kooperation

Mit der Anzahl der männlichen Teammitglieder, so die Studie weiter, stieg auch die Zahl der konfliktären Interaktionen. Am ehesten gab es Ärger im OP-Team, wenn der behandelnde Chirurg ein Mann war und gleichzeitig das Team überwiegend aus Männern bestand. 
Laura K. Jones, Bonnie Mowinski Jennings, Melinda K. Higgins, and Frans B. M. de Waal. «Ethological observations of social behavior in the operating room», in: «Proceedings of the National Academy of Sciences», Juli 2018
Waren mehr Frauen im Team, stieg das kooperative Verhalten. Kurz: In vorwiegend Männerteams ist die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts doppelt so hoch als in Gruppen mit hauptsächlich Frauen, halten die Studienautoren fest. Der Kooperation besonders förderlich ist es darüber hinaus offenbar, wenn das «Alphatier» in Person des Chefchirurgen ein anderes Geschlecht hat als die Mehrheit der übrigen OP-Mitglieder.

Je länger die OP, desto mehr Spannungen

Für die Datenerfassung beobachteten die Forscher die Interaktionen mit Methoden und Konzepten der Evolutionsbiologie: Sie erstellten Verhaltensprotokolle – sogenannte Ethogramme. Dabei wurde das Kommunikationsverhalten detailliert beschrieben und elektronisch auf einem iPad dokumentiert.
Die Wissenschaftler unterschieden zwischen Kooperation, Konflikt oder neutral. Als kooperatives Verhalten wurden etwa Komplimente, kleine Scherze auf niemandes Kosten, verbale Unterstützung und ähnliches gewertet. Als konfliktär galt unter anderem respektlose Ansprachen, Gebrüll oder Scherze auf Kosten eines Teammitglieds.
Ein weiterer Faktor für Spannungen war die Dauer der Operation. So erhöhten längere Operationen die Wahrscheinlichkeit von Konflikten und verringerten kooperatives Verhalten. Dies deute natürlich auf eine Zunahme von Stress hin. Die kürzeste beobachtete Operation war weniger als acht Minuten lang, mit nur zwei Interaktionen; die längste dauerte fast fünf Stunden mit über 160 Interaktionen.

Evolution des Menschen im Hinterkopf

Konflikte müssen aber nicht rein negativ bewertet werden, so die Psychologen weiter: Sie können auch zu Problemlösungen und Lerneffekten führen. Es geht laut den Forschern auch nicht darum, Konflikte gänzlich zu vermeiden, sondern sie konstruktiv zu nutzen. Jede soziale Gruppe brauche eine gesunde Balance zwischen Kooperation und Konflikt.
Wer das Zusammenspiel von OP-Teams verbessern will, sollte an die Evolution des Menschen denken, steht in der im Fachmagazin «Proceedings of the National Academy of Sciences» veröffentlichten Studie. So könnten verbindliche Regeln etwa helfen, das Kooperationsniveau in OPs zu erhöhen.
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