«Die Urner Bevölkerung will ihr eigenes Spital»

Fortunat von Planta erklärt, warum es in Altdorf ein Kantonsspital braucht, obschon es aufgrund des beschränkten Einzugsgebiets nicht kostendeckend betrieben werden kann.

, 9. August 2021, 05:00
image
  • kantonsspital uri
  • fortunat von planta

Als Medinside Mitte Mai schrieb, Spitäler mit unter 600 Geburten könnten sich eine Geburtenabteilung gar nicht leisten, zeigten Sie wenig Freude.

Wie ich damals in der Kommentarspalte geschrieben habe: Es geht nicht um die Frage, ob die Geburtsabteilung geschlossen wird, sondern um die Frage, ob man der Bevölkerung das eigene Spital wegnimmt.

Mit 281 Geburten ist die Geburtsabteilung des Kantonsspitals Uri (KSU) defizitär. Können Sie sich das leisten?

Die Geburtsabteilung ist nicht kostendeckend. Aber sie liefert einen positiven Deckungsbeitrag. Der Deckungsbeitrag 1 wird erfüllt. Das heisst, die Geburtsabteilung leistet einen Beitrag an die Fixkosten. Bei einer Schliessung der Geburtsabteilung würde das Gesamtergebnis noch schlechter ausfallen.

Also müsste man Fixkosten senken. Die Geburtsabteilungen sind vor allem wegen der Vorhalteleistungen nicht kostendeckend, da auch nachts mindestens vier Fachpersonen im Spital oder in Fussdistanz zum Spital übernachten müssen.

Diese Vorhalteleistungen muss man auch erbringen, wenn man einen 24-Stunden-Notfall betreiben will. Wir bräuchten nachts weiterhin einen Operationstechniker, einen Anästhesisten und einen Anästhesiepfleger. Nur auf die Hebamme könnten wir verzichten.

Oder man macht es wie Obwalden. Dort hat der Spitalrat der Regierung vorgeschlagen, den operativen Notfall in Sarnen zu schliessen. Ein Arzt würde zwar Notfalldienst leisten. Es würden aber nachts keine Operationen mehr durchgeführt.

Wir beurteilen das anders für unsere Region. Wenn man keinen operativen Notfall hat, kommt der Domino-Effekt ins Spiel. Dann brauchts mittelfristig auch keine Intensivstation, keine Unfall-Chirurgie, keine Traumatologie. Und letztendlich würden die Operationssäle aus Kostengründen geschlossen.

Das wäre nicht das Problem. Das wäre die Lösung.

Schauen Sie, hier stellt sich die Frage des Service Public. Gerade der 24-Stunden-Notfall ist das entscheidende Element für eine Region wie der Kanton Uri. Es gibt Fälle, da haben wir auf dem Notfall 15 Patienten pro Nacht.

Aber es gibt wohl auch Nächte, in denen Sie keine Patienten haben.

Das ist mir nicht bekannt. Aber ja, es gibt Nächte, da haben wir nur drei bis vier Fälle. Wo sollen diese Leute behandelt werden, wenn wir den Notfall schliessen?

Zum Beispiel in Stans. In 20 Minuten ist man dort.

Von Realp bis Altdorf benötigt die Ambulanz rund 30 Minuten. Bis Stans oder Schwyz müsste man mit 50 Minuten rechnen. Oder viel länger, sofern es verkehrstechnische Probleme gibt. Und das kommt häufig vor.
  • image

    Fortunat von Planta

    ist seit Mitte 2013 Direktor im Kantonsspital Uri. Der Quereinsteiger studierte in Bern Ökonomie und war mehrere Jahre Vorsteher des Amts für Steuern in Uri. Vor seinem Stellenantritt im Spital in Altdorf leitete der heute 53-jährige Finanzfachmann aus dem urnerischen Schattendorf das Anlagegeschäft bei der Nidwaldner Kantonalbank.

Ich habe mir sagen lassen, es sei nicht massgebend, wie viele Fahrtminuten die nächste Notfallstation entfernt sei. Massgebend sei, in wie vielen Minuten die Ambulanz vor Ort sei. Ambulanzen sind heute Minikliniken.

Man könnte umgekehrt fragen: Warum Stans und warum nicht Altdorf? PriceWaterhouse hat kürzlich 50 Standorte aufgeführt, wo in der Schweiz idealerweise ein Akutspital stehen sollten. Altdorf war aufgeführt, andere Spitäler in der Region nicht.

Das ist Wunschdenken.

Wir haben rund 4000 stationäre Fälle im Jahr. Jeder zusätzliche Fall hilft uns. Wir bräuchten rund 6000 stationäre Patienten, um die Fixkosten zu decken.

Wenn mehr und mehr Eingriffe ambulant statt stationär durchgeführt werden, wird sich die finanzielle Situation noch verschärfen. Oder?

Dieses Problem haben andere Spitäler auch. Dies ist ein typischer Fall der falschen Anreize, wie wir sie im Gesundheitswesen auf allen Ebenen kennen. Im stationären Bereich gibts relativ hohe und im ambulanten Bereich haben wir im Vergleich dazu tiefe Preise. Würden die relativen Preise angeglichen, hätten wir einen Selbstläufer. Da hätten wir Verhältnisse wie im angelsächsischen Raum mit einem Anteil ambulanter Eingriffe von 60 Prozent und nicht von 35 Prozent wie hierzulande.

Das heisst, ambulante Pauschalen einführen und DRG-Tarife senken?

Man muss ambulante Pauschalen einführen, diese im DRG-System integrieren, muss Efas (einheitliche Finanzierung ambulant und stationär) einführen und dann die Preise adjustieren. Wir würden damit Milliarden sparen.

Zurück zu Altdorf. Mit 37'000 Einwohnern ist der Kanton Uri für ein eigenes Spital mit einer kompletten Grundversorgung schlicht zu klein.

Um mit einem Spital eine umfassende Grundversorgung kostendeckend anzubieten, bräuchte es ein Einzugsgebiet von rund 70'000 Einwohnern.

Warum wird das Spital nicht geschlossen, wenn es mangels Einwohnern nicht kostendeckend wirtschaften kann?

Die Bevölkerung will ihr eigenes Spital. Uri will als Standort für Private wie auch für Unternehmen attraktiv bleiben. Vor 50 Jahren hatte Uri 35'000 Einwohner. Heute sind es 37'000 - also praktisch keine Entwicklung. Ohne Spital und einer nahegelegenen Gesundheitsversorgung sähe es für den Kanton düster aus.

Das Spital als Wirtschaftsmotor?

Der gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Nutzen ist mit einem defizitären Spital grösser als mit gar keinem Spital. Nicht zu vergessen den Tourismus. Nicht umsonst haben wir in Andermatt einen Rettungsdienst stationiert. Die Bevölkerung will ein eigenes Spital, auch wenn es jährlich mit 3,5 Millionen Franken subventioniert werden muss. Das sind 100 Franken pro Person. Sonst hätten im Herbst 2017 nicht 87 Prozent der Urnerinnen und Urner dem mit 115 Millionen Franken budgetierten Neubau zugestimmt.

Können Sie den gesellschaftlichen und volkwirtschaftlichen Nutzen quantifizieren?

Den Nutzen nicht, aber die Wertschöpfung. Sie beträgt rund 60 Millionen Franken im Jahr. Wenn sie im Schnitt mit 15 Prozent versteuert wird, reden wir hier von 9 Millionen, die in andere Kantone fliessen würden, wenn Uri kein Spital hätte. Wir bieten bei 434 Vollzeitstellen 600 Arbeitsplätze an. Wer stellt Akademiker ein, wenn nicht das KSU?
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Constantine Bloch zur Leitenden Ärztin befördert

Am Kantonsspital Uri (KSU) kommt es demnächst zu einer Beförderung: Constantine Bloch, seit sechs Jahren am KSU tätig, wird neue Leitende Ärztin Innere Medizin.

image

Zwei Kantonsspitäler kooperieren in der Neurochirurgie

Das Kantonsspital Uri (KSU) geht eine neue Zusammenarbeit mit dem Kantonsspital Luzern (Luks) ein. Die neurochirurgische Standortleitung in Altdorf übernimmt ein Kaderarzt und Wirbelsäulenspezialist vom Luks.

image

Uri: Das ist der neue Chef Urologie am KSU

Patrick Stucki verlässt das KSU. Der Spitalrat hat den bestehenden Partner LUKS für die Nachfolge der urologischen Versorgung gewählt. Die Leitung vor Ort hat jetzt Paul Mittelstädt.

image

Wie die DRG-Kodierung Kooperationen verhindert

Das Abrechnungssystem laut DRG verunmöglicht es Spitälern, in der Akutgeriatrie zusammenzuarbeiten. Für Spitäler in Randregionen ist das ein Problem.

image

Dieses teure Gerät steht jetzt im Kantonsspital Uri

Das Kantonsspital Uri (KSU) hat sich ein Laparoskopie-Simulator angeschafft. Schweizweit gibt es aktuell nur zwei solcher Geräte.

image

Kantonsspital Uri regelt Nachfolge in der Onkologie

Claudia Niewenhuys wird künftig am Kantonsspital Uri Patientinnen und Patienten mit einer Krebserkrankung behandeln. Sie ist Internistin und Onkologin.

Vom gleichen Autor

image

Palliative Care – eine tickende Zeitbombe

Viele politische Vorstösse, viel Papier, beängstigende Perspektiven, keine konkreten Massnahmen. Die Rede ist von Palliative Care.

image

«Herr Flury, warum braucht es The Swiss Leading Hospitals?»

«Qualitätssicherung kommt vor Kommunikation», sagt der Psychiater Hanspeter Flury, der neue Präsident von Swiss Leading Hospitals.

image

«Wir kennen die Gründe, man muss jetzt handeln»

Mehr und mehr kantonale Sektionen verlangen Sofortmassnahmen zur Umsetzung der Pflegeinitiative. Kürzlich die Sektion Zürich, jetzt die Sektion Freiburg.