«Beziehungspflege ist das zentrale Thema»

Eduard Haeni vom Stadtberner Burgerspittel erklärt, weshalb er den neuen Richtstellenplan des Kantons begrüsst. Und was er von der Berufsprüfung Langzeitpflege und –betreuung hält.

, 29. März 2018, 13:57
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Herr Haeni, im Kanton Bern muss der Anteil des diplomierten Pflegefachpersonals nicht mehr 20, sondern nur noch 16 Prozent betragen. Was sagen Sie dazu?Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber Ihre Aussage in der Frage ist nicht ganz korrekt. Es müssen weiterhin 20 Prozent des Pflegepersonals eine Ausbildung der Tertiärstufe 3 vorweisen können. Die Tertiärstufe ist im Richtstellenplan des Kantons Bern in Funktionsstufe 3-A und 3-B unterteilt worden. 3-A sind die diplomierten Pflegefachleute HF oder FH; 3-B sind unter anderem die Personen mit einer Berufsprüfung in Langzeitpflege und Langzeitbetreuung.
Halt. Halt. Da gehen die Meinungen auseinander. Etwa in Zürich werden Personen mit einer Berufsprüfung in Langzeitpflege nicht der Gruppe der Diplomierten zugeordnet, unabhängig von der Zuteilung in der Bildungssystematik als Tertiär-B-Abschluss.Jetzt sage ich halt-halt. Wir sind hier im Kanton Bern, und diese Vorgabe hat der Kanton als Bewilligungsbehörde so festgelegt. Auch Senesuisse und Curaviva, die Verbände der Heime und Altersinstitutionen Schweiz, erklären übrigens, dass Fachpersonen Langzeitpflege im Stellenschlüssel dem tertiär ausgebildeten Fachpersonal anzurechnen seien.
Warum sagen Sie, der Entscheid des Kantons gehe in die richtige Richtung?Weil damit die Qualität der Langzeitpflege präziser gewertet wird.
Und doch ist es unbestritten, dass die Fachpersonen Langzeitpflege nicht alles können und dürfen, was die Diplomierten können.Das stimmt. Und man soll diese beiden Berufsqualifikationen auch nicht gegeneinander ausspielen. Wir unterscheiden zwischen Funktionspflege und Beziehungspflege. Was brauchen wir für die Pflege und Betreuung von alten Menschen prioritär?
Beziehungspflege.Genau. Zum Beispiel Pflegeanalysen, wie sie von diplomierten Fachkräften durchgeführt werden, sind selbstverständlich auch wichtig. Doch die Weiterbildung in Langzeitpflege ist haargenau auf die Bedürfnisse von Langzeitplegeinstitutionen zugeschnitten: Palliativ Care, Biografiearbeit, Schmerzerfassung. Das wird bei diesem anderthalb jährigen Lehrgang gelehrt. Zudem bringen diese Leute bereits Erfahrungen in der Arbeit mit alten Menschen mit, wenn sie die Weiterbildung beginnen.
Genügen denn die 16 Prozent diplomiertes Pflegepersonal der Tertiärstufe 3-A?Ja, natürlich. Was ist die zentrale Aufgabe bei der Betreuung alter Menschen? Da unterscheiden wir uns sehr stark von den Akutspitälern. Im Unterschied zu der kurativen Pflege in Spitälern steht bei uns die palliative, die lindernde Pflege im Vordergrund. Man muss alten Menschen Lebensqualität geben und eine angepasste Mischung zwischen Fachpflege und Betreuung. Für sie da sein.
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    Eduard Haeni

    Der Direktor «Der Burgerspittel Bern» arbeitet seit über 40 Jahren im Gesundheitswesen. Als Kaufmann und eidg. dipl. Spitalexperte arbeitete er in verschiedenen Akut- und Rehabilitationskliniken. Lange Zeit leitete er das Salem-Spital in Bern, wechselte dann in den Langzeitbereich, wo er in einer grossen Altersheimgruppe als COO sämtliche Betriebe führte. Seit November 2012 leitet Haeni die Altersbetriebe der Burgergemeinde Bern, den Burgerspittel im Viererfeld und den Burgerspittel am Bahnhofplatz.

Würde das die Leiterin Pflege im Burgerspittel auch so sagen?Ja durchaus, ebenso der Leiter Pflegedienst im Burgerspittel am Bahnhofplatz in Bern.
Wie viele Fachpersonen Langzeitpflege stehen auf Ihrer Lohnliste?Aktuell nur zwei. Aus der politisch unklaren Situation haben wir diese Weiterbildung bislang nicht gross gefördert, was wir nun jedoch endlich tun können.
Wie schwierig ist es, den Richtstellenplan des Kantons einzuhalten?In unserem Betrieb konnten und können wir ihn einhalten. Doch gibt es Betriebe, die es immer schwieriger haben, genügend Pflegefachpersonal zu finden.
Am schwierigsten wird es wohl in der Ausbildungsstufe Tertiär-A sein, oder?Ja, doch es ist nicht nur eine Frage der Menge, sondern vorab der Qualität, der Lebenserfahrung. Das Diplom allein genügt mir nicht. Gerade deshalb macht es Sinn, eigene Mitarbeitende so zu fördern, dass sie die nötige Qualität in der Praxis mitbringen, sprich die Ausbildung zur Fachperson Langzeitpflege und Betreuung angehen.
Was meinen Sie damit? Die Pflegefachpersonen haben doch in der Schweiz eine sehr gute Ausbildung.Ja, aber wichtig ist mir auch, wo diese Leute im Leben stehen, was sie für eine Sozialkompetenz haben, was für eine Lebenserfahrung. Womit ich mich wiederhole: Beziehungspflege ist das zentrale Thema
Weniger diplomierte Pflegefachpersonen auf Stufe HF oder FH, dafür mehr Fachpersonen FA? Der SBK wittert hier eine massive Verschlechterung. Aber es geht um Tieferes. Siehe dazu Medinside vom 8. März 2018. 
Wahrscheinlich können Sie in Zukunft aufgrund der demografischen Entwicklung nicht gross auswählen.Da haben Sie leider recht. Heute haben wir in der Schweiz 420'000 Personen, die älter als 80 sind. 2030 werden es rund 690'000 sein. Das ist eine Zunahme von 60 Prozent. 2014 hatten wir in der Schweiz 178'000 Personen in Pflegeberufen, davon 64'000 in Pflegeheimen, wovon 45‘000 Fachpflegepersonal. Wenn ich diese Zahl hochrechne, komme ich auf 92'000 Pflegende. 28'000 mehr als heute. Jetzt soll mir mal einer sagen, woher wir diese Leute rekrutieren sollen.
Sie geben mir das Stichwort: Was machen Sie konkret gegen den Fachkräftemangel?Der Kanton Bern ist diesbezüglich sehr fortschrittlich. Er macht klare Vorgaben. Pro Bett sind so und so viele Pflegemitarbeitende auszubilden. Dafür gibt es vom Kanton eine Abgeltung. Wer die Vorgabe nicht einhält, muss einen Malus zahlen. Um dem Fachkräftemangel proaktiv zu begegnen, bilden wir am Burgerspittel künftig 60 Prozent mehr Pflegefachleute aus als vom Kanton vorgegeben. Ein kostenaufwendiges, aber sinnvolles Grossprojekt.
Das tönt gut und schön. Und was machen Sie, damit die jungen Leute dann nicht abspringen?Wir haben Projekte und Programme in Erarbeitung, die genau das verhindern sollten. Doch das Wichtigste, damit eine Person dem Arbeitgeber treu bleibt, ist das Betriebsklima. Der Lohn ist nicht das Wichtigste; das Wohlbefinden in einem Team ist wichtiger.
Jeder Chef sagt, in seinem Betrieb herrsche ein gutes Klima.Eben erst haben wir eine Mitarbeiterumfrage abgeschlossen. In vielen Punkten könnten wir uns auf die Schulter klopfen. Wir haben aber auch rote Punkte. Bis Ende Mai muss jede Vorgesetzte mit ihrem Team mindestens zwei Massnahmen erarbeiten, um die kritischen Punkte zu verbessern.
In seiner Fachkräfteinitiative ortete Bundesrat Johann Schneider-Ammann bei den älteren Leuten ein grosses Arbeitskräftepotential. Was machen Sie konkret, um die älteren Semester im Arbeitsprozess zu behalten?Wir gehören ja zur Burgergemeinde der Stadt Bern. Und da wurde vor einem Jahr das Pensionierungsalter von 63 auf 65 erhöht. Zudem erlaubt es unsere Vorsorgeeinrichtung, bis Alter 70 in der Pensionskasse zu bleiben. Ab 65 Jahren wünschen wir uns ein lockeres Zusammenarbeiten. Wir dürfen die Mitarbeiterin fragen, ob sie Zeit und Lust hat für terminierte Teilzeitpensen arbeiten zu kommen. Eine typische Win-Win-Situation.
Und? Wie viele machen davon Gebrauch?Noch wenige. In den nächsten Tagen kann ich eine Mitarbeiterin verabschieden, die das 70. Altersjahr erreicht. 
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