Deckelung der Fallzahlen: «Das erinnert an Planwirtschaft»

Mit Volumenbegrenzung wollen die beiden Basler Gesundheitsdirektoren die angeblich massive medizinische Überversorgung in den Griff bekommen.

, 5. September 2019 um 06:48
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Orthopädie, HNO, Kardiologie und Urologie: Für 8'000 Fälle gibt es für die Region Basel keinen statistischen Grund für einen Eingriff. Dies geht zumindest aus einer Vergleichsanalyse der beiden Basler Kantone mit der übrigen Schweiz hervor. Jede zehnte Operation sei demnach medizinisch unnötig und verursache Kosten von 80 Millionen Franken.
Die beiden Kantone Basel wollen nun über gleichlautende Spitallisten die Anzahl dieser angeblich überflüssigen Eingriffe um 4'000 reduzieren. Dies habe eine bremsende Wirkung auf die Prämien – 0.7 Prozentpunkte, heisst es. In der Region Basel sind die Krankenkassenprämien bekanntlich am höchsten.

Deckelung über die Spitallisten

Konkret wollen die beiden bürgerlichen Gesundheitsdirektoren Thomas Weber (BL) und  Lukas Engelberger (BS) mit den Spitälern künftig klare Mengen-Vorgaben vereinbaren. Und damit versuchen, das «Volumen aktiv zu steuern», so die Idee. Die Anzahl der Behandlungen zu deckeln, gilt als «schweizweiter Meilenstein», wie Thomas Weber an der Medienkonferenz verkündete. 
Mit diesen Massnahmen und einer bereits erstellten Bedarfsprognose aus Nachfragesicht sollen medizinisch nicht nachvollziehbare Eingriffe verhindert – und schliesslich die Kosten gedämpft werden. Im äussersten Fall droht den Spitälern, den Platz auf der Spitalliste zu verlieren. Bis Ende Oktober können sich alle Spitäler in der Region bewerben. Das Inkrafttreten der neuen Liste sei per Anfang Januar 2021 vorgesehen.

Kritik am Markteingriff

Für die Spitäler bedeutet das Vorgehen der beiden Kantone einen gewissen Druck. Peter Eichenberger, Direktor des privaten Basler Claraspitals, kritisiert diese Pläne: «Diese Volumenbeschränkung ist ein Relikt, ein Planungsansatz aus den Geschichtsbüchern des ehemaligen Ostblocks», sagt er dem Regionaljournal von SRF. 
Es werde nicht nach Lust und Laune operiert, sondern aus guten Gründen. Der Präsident der Vereinigung Nordwestschweizer Spitäler befürchtet mit dem Eingriff in den Wettbewerb negative Auswirkungen auf die Qualität, Wartefristen und auf die Effizienz insgesamt.   
  • Medienmitteilung: Die künftige Spitalplanung aktiver steuern
  • Versorgungsplanungsbericht 2019: Gemeinsame Gesundheitsregion – akutstationäre Versorgung (ganzer Bericht | nur Kurzfassung)
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